Veröffentlicht am März 11, 2024

Das Lieferkettengesetz (LkSG) ist keine reine Kostenfalle, sondern eine strategische Chance, Ihre Wettbewerbsfähigkeit und Marge aktiv zu steigern.

  • Gezielte Compliance reduziert Finanzierungskosten und mindert operative Risiken nachweislich.
  • Neue Geschäftsmodelle wie Refurbishment und „Product-as-a-Service“ erschliessen ungenutzte Erlösquellen direkt aus dem LkSG-Kontext.

Empfehlung: Nutzen Sie die LkSG-Anforderungen proaktiv, um Ihre Lieferkette zu optimieren und sich als krisenfester und nachhaltiger Partner im Markt zu positionieren.

Für viele Geschäftsführer und Compliance-Beauftragte im deutschen Mittelstand fühlt sich das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) wie eine weitere bürokratische Hürde an. Die Sorge ist greifbar: Drohen explodierende Kosten, die wertvolle Margen auffressen und die internationale Wettbewerbsfähigkeit gefährden? Die gängige Reaktion ist oft defensiv – man konzentriert sich auf das Nötigste, um Bussgelder zu vermeiden, und betrachtet den gesamten Prozess als reinen Kostenfaktor. Man hört von aufwendigen Audits, komplexer Dokumentation und der schier unlösbaren Aufgabe, die gesamte Lieferkette bis ins letzte Glied zu durchleuchten.

Doch was wäre, wenn diese Perspektive zu kurz greift? Was, wenn die Auseinandersetzung mit Menschenrechten und Umweltstandards in der Lieferkette kein notwendiges Übel, sondern ein strategischer Compliance-Hebel ist? Die wahre Frage ist nicht, *ob* Sie das Gesetz umsetzen müssen, sondern *wie* Sie es so umsetzen, dass es sich für Ihr Unternehmen auszahlt. Die Antwort liegt in der Identifizierung und Nutzung von Synergie-Effekten: Die Daten, die Sie für das LkSG erheben, sind pures Gold für andere Unternehmensbereiche – von der Finanzierung über das Marketing bis hin zur Produktentwicklung. Anstatt Compliance isoliert zu betrachten, wird sie zum integralen Bestandteil einer resilienteren und profitableren Unternehmensstrategie.

Dieser Leitfaden bricht mit der reinen Kosten-Diskussion. Er zeigt Ihnen pragmatisch und praxisnah, wie Sie die Anforderungen des LkSG nicht nur erfüllen, sondern gezielt in messbare Wettbewerbsvorteile umwandeln. Von der kosteneffizienten Überprüfung von Lieferanten über den Zugang zu günstigeren Krediten bis hin zur Erschliessung neuer Umsatzquellen – entdecken Sie, wie aus einer gesetzlichen Pflicht eine unternehmerische Chance wird.

Für einen schnellen Überblick über die gesetzlichen Grundlagen und die Entstehung des LkSG bietet das folgende Video eine kompakte Zusammenfassung. Es positioniert die Herausforderungen und Ziele des Gesetzes, die wir in diesem Artikel mit strategischen Lösungen für Ihr Unternehmen verbinden.

Um die komplexen Anforderungen des Lieferkettengesetzes strukturiert anzugehen und in konkrete Vorteile umzuwandeln, gliedert sich dieser Artikel in acht strategische Handlungsfelder. Jedes Kapitel beleuchtet eine spezifische Herausforderung und zeigt pragmatische Lösungswege auf, die über die reine Pflichterfüllung hinausgehen.

Wie überprüfen Sie Menschenrechte bei einem Zulieferer in Vietnam vom Schreibtisch aus?

Die Vorstellung, einen Lieferanten am anderen Ende der Welt effektiv zu kontrollieren, ohne teure Auditoren einzufliegen, wirkt für viele Mittelständler abschreckend. Die direkte Überprüfung von Arbeitsbedingungen, Gewerkschaftsfreiheit oder dem Verbot von Kinderarbeit in einem Werk in Vietnam scheint eine kostspielige und logistisch kaum zu bewältigende Aufgabe zu sein. Die gute Nachricht ist: Eine physische Dauerpräsenz ist weder gefordert noch praktikabel. Der Schlüssel liegt in der Nutzung etablierter, kosteneffizienter Netzwerke und smarter, risikobasierter Ansätze.

Anstatt das Rad neu zu erfinden, können deutsche Unternehmen auf die bereits vorhandene Infrastruktur zurückgreifen. Die deutschen Auslandshandelskammern (AHKs) haben sich hier als entscheidender Partner für den Mittelstand etabliert. Sie bieten standardisierte und dennoch fundierte Vor-Ort-Validierungen an, die speziell auf die Anforderungen des LkSG zugeschnitten sind. Dieser Ansatz ist nicht nur pragmatisch, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll.

Fallstudie: Kosteneffiziente Lieferkettenüberwachung durch das AHK-Netzwerk

Mittelständische Unternehmen, die oft als Zulieferer für Konzerne selbst in die LkSG-Pflichten hineinwachsen, nutzen zunehmend die Dienste der AHKs in Ländern wie Vietnam. Eine von der AHK durchgeführte Überprüfung kostet laut einer Analyse des ZDH ab etwa 2.000 EUR – ein Bruchteil der Kosten, die internationale Auditfirmen veranschlagen. Ein entscheidender Compliance-Hebel liegt im Pooling: Schliessen sich mehrere deutsche Unternehmen, die denselben Zulieferer nutzen, für ein Audit zusammen, können die Kosten pro Unternehmen auf unter 500 EUR sinken. So wird aus einer teuren Einzelprüfung eine erschwingliche, gemeinschaftliche Validierungsmassnahme, wie sie vom Zentralverband des Deutschen Handwerks empfohlen wird.

Dieser kollaborative Ansatz minimiert nicht nur die Kosten, sondern erhöht auch den Druck auf den Lieferanten, die Standards einzuhalten. Eine risikobasierte Vorgehensweise, bei der Audits zunächst bei Lieferanten in Hochrisikoländern oder bei kritischen Komponenten konzentriert werden, optimiert den Ressourceneinsatz zusätzlich. So wird die Überwachungspflicht vom Schreibtisch aus steuerbar und finanzierbar.

Grüne Kredite: Warum ESG-konforme Firmen heute günstigere Zinsen bekommen

Während viele Unternehmen das LkSG primär als Kostenblock sehen, übersehen sie einen der grössten finanziellen Vorteile: den verbesserten Zugang zu Kapital. Banken und Förderinstitute wie die KfW bewerten das Risiko eines Unternehmens heute nicht mehr nur anhand von Bilanzen. ESG-Kriterien (Environmental, Social, Governance) sind zu einem harten Faktor in der Kreditvergabe geworden. Ein Unternehmen, das seine Lieferkette gemäss dem LkSG im Griff hat, gilt als weniger risikoreich, transparenter und zukunftsfähiger. Dieser Vertrauensvorschuss wird direkt in barer Münze ausgezahlt: in Form von günstigeren Zinsen und besseren Finanzierungskonditionen.

Die Logik dahinter ist einfach: Eine LkSG-konforme Lieferkette ist widerstandsfähiger gegen Störungen, Reputationsschäden und rechtliche Konsequenzen. Für eine Bank bedeutet das eine geringere Ausfallwahrscheinlichkeit. Dieser Wettbewerbsvorteil wird im direkten Vergleich von Finanzierungsangeboten offensichtlich, wie die nachfolgende Visualisierung der Zinsvorteile andeutet.

Visualisierung der Zinsvorteile durch ESG-Konformität für Unternehmen

Die abstrakte Idee eines Zinsvorteils lässt sich mit konkreten Zahlen untermauern. Unternehmen, die ihre ESG-Performance und LkSG-Compliance sauber dokumentieren, qualifizieren sich für spezielle Förderprogramme und erhalten von ihren Hausbanken oft deutlich bessere Konditionen. Die LkSG-Dokumentation wird somit vom reinen Compliance-Bericht zum wertvollen Asset bei der nächsten Finanzierungsrunde.

Der folgende Vergleich zeigt, wie stark sich die LkSG-Compliance auf typische Konditionen, beispielsweise bei Förderkrediten, auswirken kann. Diese Daten basieren auf einer Analyse verfügbarer KfW-Fördermittel und verdeutlichen den direkten monetären Nutzen.

Vergleich der Finanzierungskonditionen mit und ohne LkSG-Compliance
Kriterium Mit LkSG-Compliance Ohne LkSG-Compliance
KfW-Zinssatz 2,5% – 4,0% 4,0% – 6,5%
Verfügbare Förderprogramme 12 Programme 5 Programme
Maximale Kreditsumme 25 Mio. EUR 10 Mio. EUR
Tilgungsfreie Jahre Bis zu 3 Jahre Max. 1 Jahr
Bearbeitungszeit 4-6 Wochen 8-12 Wochen

Der schmale Grat zwischen Marketing und Täuschung bei Nachhaltigkeitsversprechen

In einer Zeit, in der Kunden und Geschäftspartner vermehrt auf Nachhaltigkeit achten, ist die Versuchung gross, das eigene Unternehmen in einem möglichst grünen Licht darzustellen. Doch vage oder übertriebene Werbeaussagen wie „umweltfreundlich produziert“ oder „aus fairem Handel“ ohne lückenlosen Nachweis können schnell zum Bumerang werden. Das LkSG und die verschärften EU-Regeln gegen Greenwashing haben die Spielregeln verändert. Was früher als cleveres Marketing durchging, kann heute als irreführende Geschäftspraktik gewertet und mit empfindlichen Strafen geahndet werden.

Die Grenze zwischen zulässiger Kommunikation und rechtlich angreifbarer Täuschung ist schmaler denn je. Der entscheidende Unterschied liegt in der Beweislast. Wer seine Nachhaltigkeitsversprechen nicht mit soliden Daten und einer transparenten Dokumentation seiner Lieferketten-Sorgfaltspflichten untermauern kann, bewegt sich auf dünnem Eis. Die Konsequenzen sind nicht nur Reputationsschäden, sondern auch handfeste finanzielle Sanktionen.

Fallstudie: Greenwashing-Urteil und das LkSG als Schutzschild

Ein prägnantes Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit zeigt die Brisanz des Themas: Ein deutsches Textilunternehmen wurde 2024 wegen irreführender Nachhaltigkeitsaussagen zu einer Strafe von 250.000 EUR verurteilt. Es konnte die beworbene „vollständige Transparenz“ seiner Lieferkette vor Gericht nicht belegen. Laut einer Analyse juristischer Portale sieht der Gesetzgeber hierfür Bussgelder von bis zu 500.000 Euro vor; bei Grossunternehmen können es sogar bis zu 2 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes sein. Im Umkehrschluss wird das LkSG zum Schutzschild: Unternehmen, die ihre Due-Diligence-Prozesse sauber dokumentiert haben, können ihre Nachhaltigkeitsaussagen rechtssicher belegen. Sie vermeiden nicht nur Strafen, sondern gewinnen auch das Vertrauen von B2B-Kunden, die ihrerseits ihre Lieferketten absichern müssen, und erobern so Marktanteile.

Die sorgfältige Dokumentation im Rahmen des LkSG ist also weit mehr als eine bürokratische Pflicht. Sie ist die unumgängliche Grundlage für glaubwürdiges und rechtssicheres Nachhaltigkeitsmarketing. Jede Werbeaussage sollte vor der Veröffentlichung einem internen „LkSG-Check“ unterzogen werden: Können wir diese Behauptung mit den uns vorliegenden Daten aus der Lieferkettenprüfung stützen? Nur so wird Marketing zum Vertrauensmotor statt zum Rechtsrisiko.

Scope 1, 2, 3 erklärt: Wie erfassen Sie Emissionen, die Sie nicht selbst verursachen?

Die Erfassung von Treibhausgasemissionen wird für immer mehr Unternehmen zur Pflicht, sei es durch die EU-Taxonomie oder die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD). Während die direkten Emissionen (Scope 1, z.B. der eigene Fuhrpark) und die Emissionen aus eingekaufter Energie (Scope 2, z.B. Strom) noch relativ einfach zu ermitteln sind, stellt Scope 3 die grösste Herausforderung dar. Hier geht es um alle indirekten Emissionen, die in der vor- und nachgelagerten Lieferkette entstehen – also genau dort, wo auch das LkSG ansetzt.

Anstatt zwei separate, aufwendige Prozesse für das LkSG und die Scope-3-Erfassung aufzusetzen, liegt hier ein enormes Synergie-Potenzial. Die Daten, die Sie im Rahmen Ihrer LkSG-Risikoanalyse von Ihren Lieferanten abfragen – etwa zu Energieverbrauch, Transportwegen oder Produktionsprozessen – sind exakt die Daten, die Sie für die Berechnung Ihrer Scope-3-Emissionen benötigen. Aktuell sind laut Erhebungen bereits rund 4.800 deutsche Unternehmen seit 2024 direkt vom LkSG betroffen, und für viele von ihnen wird die CSRD-Berichtspflicht folgen. Die intelligente Verknüpfung beider Anforderungen ist daher kein „Nice-to-have“, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit.

Die Umsetzung dieses Synergie-Effekts lässt sich in pragmatische Schritte unterteilen, die den Aufwand minimieren und den Nutzen maximieren:

  • Datenbasis verknüpfen: Nutzen Sie die im LkSG-Prozess identifizierten Tier-1-Lieferanten als Ausgangspunkt für die Emissionsberechnungen. Die bereits erfassten Kontaktdaten und Risikobewertungen sind die Grundlage.
  • Software-Tools implementieren: Spezialisierte Software (z.B. von Anbietern wie ClimatePartner oder Planetly) kann die Datenerfassung bei Lieferanten automatisieren und nutzt oft standardisierte Fragebögen, die sowohl LkSG- als auch Scope-3-Aspekte abdecken.
  • Kollaborative Datenerfassung: Schliessen Sie sich mit anderen deutschen Unternehmen zusammen, die beim selben Zulieferer einkaufen, um gemeinsam Emissionsdaten abzufragen. Dies reduziert den Aufwand für alle Beteiligten.
  • Verträge anpassen: Integrieren Sie die Pflicht zur Bereitstellung von Verbrauchs- und Emissionsdaten als festen Bestandteil in Ihre neuen und bestehenden Lieferantenverträge.
  • Finanzvorteile nutzen: Die so gewonnenen, validierten Scope-3-Daten sind ein entscheidender Baustein, um sich für die bereits erwähnten, günstigeren ESG-gebundenen Kredite zu qualifizieren.

Durch diese integrierte Herangehensweise wird die Scope-3-Berichterstattung von einer gefürchteten Mammutaufgabe zu einem logischen und beherrschbaren Nebenprodukt Ihrer LkSG-Aktivitäten. Sie erfüllen zwei gesetzliche Anforderungen mit einem Prozess und schaffen gleichzeitig die Datenbasis für eine verbesserte Verhandlungsposition bei Banken.

Refurbishment statt Neukauf: Wie erschliessen Sie mit alten Produkten neue Umsatzquellen?

Das Lieferkettengesetz zwingt Unternehmen, die Herkunft ihrer Rohstoffe und Komponenten genau zu hinterfragen. Dies ist oft mit hohen Kosten und Risiken verbunden, insbesondere bei Materialien aus Konfliktregionen. Ein strategischer Ausweg aus diesem Dilemma ist die Reduzierung des Bedarfs an neuen Rohstoffen. Hier eröffnet die Kreislaufwirtschaft, insbesondere das Refurbishment (die professionelle Wiederaufbereitung gebrauchter Produkte), völlig neue Geschäftsmodelle, die LkSG-Compliance und Profitabilität elegant verbinden.

Anstatt ein Produkt einmalig zu verkaufen und die Kontrolle darüber zu verlieren, wechseln immer mehr Unternehmen zu „Product-as-a-Service“ (PaaS)-Modellen. Sie vermieten ihre Maschinen oder Geräte, bleiben Eigentümer und übernehmen die Wartung und am Ende des Lebenszyklus die Rücknahme. Das zurückgenommene Produkt wird professionell aufbereitet und erneut in den Markt gebracht – als zertifiziertes Gebrauchtgerät oder im Rahmen eines neuen Mietvertrags. Dieser Ansatz reduziert nicht nur den CO2-Fussabdruck, sondern auch die LkSG-Risiken, da deutlich weniger Neukomponenten aus kritischen Lieferketten benötigt werden.

Fallstudie: Product-as-a-Service im deutschen Maschinenbau

Führende deutsche Maschinenbauer wie Trumpf und DMG Mori haben erfolgreich PaaS-Modelle implementiert. Statt des reinen Verkaufs bieten sie Nutzungsmodelle an. Durch die anschliessende professionelle Wiederaufbereitung ihrer Hightech-Maschinen generieren sie laut Branchenanalysen 15-20% zusätzliche Marge über den Lebenszyklus eines Produkts. Gleichzeitig minimieren sie ihre Abhängigkeit von neuen Rohstoffen und reduzieren damit direkt ihre Risiken und Dokumentationspflichten im Rahmen des LkSG und der kommenden, noch schärferen EU-Lieferkettenrichtlinie (CSDDD), die ab Mitte 2026 schrittweise greift.

Der wirtschaftliche Vorteil eines Refurbishment-Modells gegenüber dem traditionellen Neukauf ist signifikant, wie der folgende Vergleich auf Basis einer Analyse von Rittweger + Team verdeutlicht.

Wirtschaftlichkeitsvergleich: Traditioneller Neukauf vs. Refurbishment-Modell
Faktor Traditioneller Neukauf Refurbishment-Modell
LkSG-Compliance-Kosten 100% für alle Komponenten 30% (nur Ersatzteile)
Rohstoffbedarf 100% 15-25%
Kundenbindung Einmalverkauf Langzeitverträge (3-5 Jahre)
Marge 15-20% 25-35%
CO2-Fussabdruck 100% 40-50%

Nearshoring: Warum Kunden wieder bereit sind, für lokale Produktion mehr zu zahlen

Die Globalisierung schien lange eine Einbahnstrasse zu sein: immer billiger, immer weiter weg. Doch die Pandemie, geopolitische Spannungen und nicht zuletzt das LkSG haben zu einem Umdenken geführt. Die Fragilität globaler Lieferketten ist schmerzlich bewusst geworden. Infolgedessen gewinnt das Nearshoring – die Rückverlagerung der Produktion in die geografische Nähe – massiv an Bedeutung. Dies ist nicht nur eine Strategie zur Risikominimierung, sondern auch ein starkes Marketingargument, für das Kunden bereit sind, einen Aufpreis zu zahlen.

Eine transparente, kürzere und LkSG-konforme Lieferkette „Made in Germany“ oder „Made in Europe“ ist ein Qualitätsversprechen, das an Wert gewonnen hat. Es signalisiert nicht nur höhere Produktqualität, sondern auch Zuverlässigkeit, ethische Produktionsstandards und geringere Umweltauswirkungen. Diese Bereitschaft, für Nachhaltigkeit und Sicherheit mehr zu bezahlen, ist keine Nischenmeinung mehr, sondern im Mainstream angekommen. So zeigt eine Studie der KfW, dass 44% der deutschen Haushalte bereit sind, für nachhaltige Produkte sogar auf Rendite zu verzichten – ein klares Signal für die Wertschätzung von lokaler, transparenter Produktion.

Moderne deutsche Produktionsstätte als Symbol für erfolgreiches Nearshoring

Der anfängliche Nachteil höherer Lohnkosten in Deutschland kann durch die Vorteile einer LkSG-konformen, transparenten Lieferkette mehr als kompensiert werden. Die gesparten Compliance-Kosten für komplexe Audits in Asien, das geringere Risiko von Produktionsausfällen und der erzielbare Preisaufschlag machen die lokale Produktion wieder wettbewerbsfähig.

Fallstudie: Das „Made in Germany“-Revival durch LkSG-Transparenz

Ein mittelständischer Elektronikproduzent wagte 2024 den Schritt und verlagerte einen Teil seiner Produktion von China zurück nach Sachsen. Trotz um 35% höherer direkter Produktionskosten konnte das Unternehmen seine Entscheidung als strategischen Vorteil vermarkten. Durch die lückenlose LkSG-konforme Transparenz und das Label „Made in Germany“ konnte es einen Preisaufschlag von 25% bei seinen B2B-Kunden durchsetzen. Unter dem Strich führte dies zu einer Steigerung der Nettomarge um 5 Prozentpunkte und einer massiv erhöhten Lieferkettenresilienz. Dieses Beispiel zeigt, dass Nearshoring eine kalkulierbare, profitable Geschäftsentscheidung sein kann.

Die Single-Sourcing-Gefahr: Wie diversifizieren Sie Ihre Lieferkette in Asien?

Die Abhängigkeit von einem einzigen Lieferanten (Single Sourcing) oder einer einzigen Region, insbesondere China, hat sich in den letzten Jahren als enormes Klumpenrisiko für den deutschen Mittelstand erwiesen. Das LkSG verstärkt dieses Risiko zusätzlich: Kommt es bei diesem einen, kritischen Lieferanten zu einem Vorfall, steht die gesamte Produktion still und es drohen empfindliche Strafen. Die Diversifizierung der Lieferkette ist daher keine Option mehr, sondern eine strategische Notwendigkeit zur Sicherung der Geschäftstätigkeit. Die „China plus One“-Strategie ist dabei ein etablierter Ansatz.

Das Ziel ist nicht, China komplett zu verlassen, sondern die Abhängigkeit systematisch zu reduzieren. Dies geschieht durch den Aufbau alternativer Lieferanten in anderen asiatischen Ländern (z.B. Vietnam, Malaysia, Thailand) und idealerweise durch den Aufbau eines Backup-Lieferanten in Europa (z.B. Polen, Tschechien). Dieser mehrstufige Ansatz erhöht die Resilienz-Rendite – die Widerstandsfähigkeit der Lieferkette wird zu einem messbaren wirtschaftlichen Vorteil. Die Dringlichkeit dieser Massnahme wird durch die zunehmende Kontrolldichte des zuständigen Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) unterstrichen. Seit Inkrafttreten des Gesetzes hat das BAFA bereits 1.231 risikobasierte Kontrollen durchgeführt, was den Handlungsdruck auf die Unternehmen erhöht.

Die Implementierung einer solchen Diversifizierungsstrategie muss kein chaotischer Prozess sein. Sie lässt sich in einen klaren, schrittweisen Plan überführen, der gleichzeitig die Dokumentationsanforderungen des LkSG als Präventionsmassnahme erfüllt.

Ihr Aktionsplan: Die „China plus One plus Europe“-Strategie

  1. Risikoanalyse: Führen Sie eine detaillierte Analyse Ihrer aktuellen China-Abhängigkeiten durch. Identifizieren und bewerten Sie Lieferanten und Komponenten nach LkSG-Kriterien (z.B. Arbeitsrechte, Umweltrisiken).
  2. Alternativen-Scouting: Identifizieren und qualifizieren Sie systematisch mindestens zwei alternative Lieferanten in anderen asiatischen Ländern wie Vietnam, Malaysia oder Thailand. Nutzen Sie hierfür Netzwerke wie die AHKs.
  3. Europa-Backup aufbauen: Etablieren Sie parallel einen Backup-Lieferanten in Osteuropa (z.B. Polen, Rumänien, Tschechien) für Ihre kritischsten Komponenten, auch wenn die Kosten initial höher sind.
  4. Dual-Sourcing implementieren: Führen Sie ein aktives Dual- oder Multi-Sourcing-System ein. Eine bewährte Verteilung der Einkaufsvolumina ist beispielsweise 60% Hauptlieferant (China), 30% Zweitlieferant (Vietnam) und 10% Backup (Polen).
  5. Dokumentation als Prävention: Dokumentieren Sie den gesamten Prozess – von der Risikoanalyse bis zur Lieferantenauswahl – sorgfältig als LkSG-Präventionsmassnahme. Dies reduziert Ihre Compliance-Kosten und Ihr Haftungsrisiko im Schadensfall.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das LkSG ist ein strategisches Werkzeug: Nutzen Sie Compliance-Daten, um Risiken zu managen und neue Geschäftschancen zu identifizieren.
  • Nachhaltigkeit treibt die Marge: LkSG-Konformität führt zu besseren Finanzierungskonditionen, rechtssicherem Marketing und Zugang zu neuen Kunden.
  • Resilienz ist der neue Wettbewerbsvorteil: Diversifizierte Lieferketten und zirkuläre Modelle wie Refurbishment reduzieren Kosten und Abhängigkeiten.

Wie bleiben deutsche Produzenten trotz hoher Energiekosten international wettbewerbsfähig?

Hohe Energiekosten, steigende Löhne und jetzt auch noch das LkSG – die Liste der Herausforderungen für deutsche Produzenten scheint endlos. Der internationale Wettbewerb, insbesondere aus Regionen mit niedrigeren Standards und Kosten, ist härter denn je. In diesem Umfeld kann der Fokus auf reine Kostenreduktion in eine gefährliche Abwärtsspirale führen. Die strategische Antwort liegt nicht darin, billiger zu werden, sondern darin, besser und verlässlicher zu sein. Und genau hier wird die proaktive Umsetzung des LkSG zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil.

Ein Unternehmen, das seine Lieferkette im Griff hat, das seine Risiken kennt und managt und das dies transparent dokumentiert, ist für Grosskunden und andere B2B-Partner ein wertvollerer Partner als ein unkalkulierbarer Billiganbieter. Die Stabilität der Prozesse, wie sie durch das LkSG gefördert wird, ist ein Versprechen von Liefertreue und Qualität.

Wer heute seine Prozesse stabil hält, ist später klar im Vorteil.

– Rittweger Team, Lieferkettengesetz 2025 Analyse

Dieser Vorteil lässt sich in konkreten Zahlen messen. Die integrierte LkSG-Strategie, die wir in diesem Artikel skizziert haben – von günstigeren Krediten über neue Erlösmodelle bis hin zu resilienteren Lieferketten – schafft ein Ökosystem, in dem deutsche Unternehmen trotz höherer Standortkosten profitabel agieren können. Der folgende Vergleich fasst die zentralen Wettbewerbsfaktoren zusammen und zeigt, wie eine LkSG-Strategie die Position eines Unternehmens fundamental verbessert.

Wettbewerbsvorteile durch eine integrierte LkSG-Strategie
Wettbewerbsfaktor Ohne LkSG-Strategie Mit integrierter LkSG-Strategie
Finanzierungskosten Standard-Konditionen Bis zu 1,5% günstigere Zinsen
Kundenvertrauen B2B Preisdruck dominant Qualitäts-Premium möglich
Lieferkettenrisiken Ungepuffert Diversifiziert und resilient
Margenpotenzial 15-18% 20-25%
Zugang zu Grossaufträgen Eingeschränkt Bevorzugte Vergabe

Um diese Vorteile voll auszuschöpfen, ist es entscheidend, die verschiedenen Elemente der LkSG-Strategie als ein zusammenhängendes Ganzes zu betrachten und nicht als isolierte Einzelmassnahmen.

Letztendlich ist die Umsetzung des Lieferkettengesetzes kein Sprint, sondern ein Marathon. Es ist ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess, der Ihr Unternehmen transformieren wird. Beginnen Sie noch heute damit, die Anforderungen des LkSG nicht als Bürde, sondern als strategischen Fahrplan für die Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit Ihres Unternehmens zu nutzen.

Geschrieben von Robert Lang, Diplom-Ingenieur für Produktionstechnik und Berater für Industrie 4.0. 20 Jahre Erfahrung in F&E, Fertigungsoptimierung und Innovationsmanagement im produzierenden Gewerbe.