
Die Pflicht zur Zeiterfassung markiert nicht das Ende der Vertrauensarbeitszeit, sondern den Beginn einer transparenten und fairen Leistungskultur.
- Rechtssicherheit erfordert die lückenlose Dokumentation von Arbeits-, Pausen- und Überstunden, nicht aber die Kontrolle der Arbeitsweise.
- Der Fokus-Shift von reiner Anwesenheitsmessung hin zu messbaren Arbeitsergebnissen ist der Schlüssel, um Autonomie und Motivation zu erhalten.
Empfehlung: Nutzen Sie die gesetzliche Vorgabe als strategischen Anstoss, um Ihre Arbeitskultur aktiv weiterzuentwickeln und eine auf Daten gestützte Autonomie zu fördern.
Seit dem Grundsatzurteil des Bundesarbeitsgerichts (BAG) herrscht in vielen Personalabteilungen Verunsicherung. Die pauschale Pflicht zur Arbeitszeiterfassung scheint dem etablierten Modell der Vertrauensarbeitszeit diametral entgegenzustehen. Viele HR-Verantwortliche fragen sich: Bedeutet die „Stechuhr für alle“ das endgültige Aus für eine auf Autonomie und Eigenverantwortung basierende Unternehmenskultur? Muss man sich zwischen einer modernen, flexiblen Arbeitswelt und strikter rechtlicher Konformität entscheiden?
Die gängige Reaktion auf diese Unsicherheit ist oft ein Rückfall in alte Muster – die reine Messung von Anwesenheit, die als Misstrauensvotum empfunden wird und die mühsam aufgebaute Vertrauenskultur untergräbt. Die Debatte wird häufig als ein unüberbrückbarer Gegensatz dargestellt: auf der einen Seite die rechtliche Notwendigkeit, auf der anderen Seite eine fortschrittliche Arbeitsphilosophie. Doch was, wenn diese Sichtweise zu kurz greift? Was, wenn das BAG-Urteil nicht als Bedrohung, sondern als Chance verstanden wird?
Dieser Artikel bricht mit der Vorstellung eines unlösbaren Konflikts. Wir zeigen auf, wie die Pflicht zur Zeiterfassung als Katalysator dienen kann, um Vertrauensarbeitszeit von einer vagen Philosophie in ein faires, transparentes und ergebnisorientiertes Betriebssystem zu überführen. Es geht nicht darum, Vertrauen durch Kontrolle zu ersetzen, sondern darum, Vertrauen durch Transparenz zu stärken. Sie erfahren, wie Sie die gesetzlichen Anforderungen erfüllen und gleichzeitig eine Kultur fördern, in der nicht die abgesessene Zeit, sondern der erreichte Output zählt.
Der folgende Leitfaden bietet Ihnen konkrete Strategien und praxisnahe Lösungsansätze. Wir beleuchten, wie Sie Zeiterfassungssysteme einführen, ohne Demotivation zu schüren, wie Sie unsichtbare Überstunden vermeiden und wie Sie die Produktivität fair und ohne Überwachungstools messen. So navigieren Sie sicher durch die rechtlichen Rahmenbedingungen und gestalten aktiv die Zukunft der Arbeit in Ihrem Unternehmen.
Inhaltsverzeichnis: So gelingt die Transformation zur Vertrauensarbeitszeit 2.0
- Wie führen Sie Zeiterfassung ein, ohne dass sich Mitarbeiter kontrolliert fühlen?
- Kappungsgrenzen und Ausgleich: Wie verhindern Sie die Anhäufung unsichtbarer Überstunden?
- Weg von der Stunde, hin zum Ergebnis: Wie definieren Sie Arbeitspakete messbar?
- Die Dokumentationsfalle: Welche Aufzeichnungen müssen Sie bei einer Prüfung zwingend vorlegen?
- Ampelkonto oder Gleitzeit: Welches Modell passt zu kreativer Wissensarbeit?
- Warum „Arbeitszeit“ als Messgrösse im Homeoffice ausgedient hat
- Wer sitzt, arbeitet nicht zwangsläufig: Wie entlarven Sie „Arbeits-Simulation“ im Büro?
- Wie messen Sie die Produktivität in Remote-Teams ohne Überwachungstools einzusetzen?
Wie führen Sie Zeiterfassung ein, ohne dass sich Mitarbeiter kontrolliert fühlen?
Die Einführung einer systematischen Zeiterfassung wird oft mit einem Gefühl der Kontrolle und des Misstrauens assoziiert. Doch diese Wahrnehmung lässt sich aktiv steuern. Der Schlüssel liegt in der Kommunikation und der Rahmung des Vorhabens. Positionieren Sie die Zeiterfassung nicht als Kontrollinstrument, sondern als Werkzeug für Fairness, Transparenz und Gesundheitsschutz. Es geht darum, geleistete Arbeit sichtbar zu machen – insbesondere Überstunden – und eine gerechte Grundlage für den Freizeitausgleich zu schaffen. Die Einführung ist zudem keine Nischenentscheidung mehr; laut einer aktuellen Erhebung erfassen bereits 59% der deutschen Unternehmen die Arbeitszeiten systematisch. Dies hilft, den Prozess als Branchenstandard zu normalisieren.
Ein entscheidender Faktor ist die Delegation der Verantwortung. Geben Sie den Mitarbeitern die Werkzeuge an die Hand, ihre Zeiten selbstständig und unkompliziert zu erfassen. Moderne Softwarelösungen erlauben eine Erfassung per App oder mit wenigen Klicks am Rechner. Dies erhält die Autonomie und signalisiert Vertrauen in die Eigenverantwortung des Einzelnen. Wichtig ist, den Fokus von Anfang an auf den Nutzen für die Mitarbeiter zu legen: Schutz vor unbezahlter Mehrarbeit, Sicherstellung von Pausen- und Ruhezeiten und eine klare Datenbasis für Gespräche über Arbeitslast und Kapazitätsplanung.
Verbinden Sie die Einführung mit einem klaren Bekenntnis zur Ergebnisorientierung. Machen Sie deutlich: „Wir messen die Zeit, um die Rahmenbedingungen fair zu gestalten, aber wir bewerten die Leistung anhand der erzielten Ergebnisse.“ Diese als „Vertrauensarbeitszeit 2.0“ bezeichnete Herangehensweise kombiniert das Beste aus beiden Welten: die Flexibilität und Autonomie der Vertrauenskultur mit der rechtlichen Sicherheit und Fairness einer transparenten Datengrundlage.
Kappungsgrenzen und Ausgleich: Wie verhindern Sie die Anhäufung unsichtbarer Überstunden?
Einer der grössten Vorteile einer lückenlosen Zeiterfassung ist das Sichtbarmachen von Mehrarbeit. Vertrauensarbeitszeit ohne Dokumentation birgt die immense Gefahr, dass Überstunden zur unsichtbaren Norm werden. Dies führt nicht nur zu Unzufriedenheit und Burnout bei den Mitarbeitern, sondern stellt auch ein erhebliches rechtliches Risiko für das Unternehmen dar. Die neuen Dokumentationspflichten, von denen derzeit rund 1,85 Millionen Betriebe bundesweit betroffen sind, zielen genau darauf ab, diese Grauzone zu beseitigen. Es reicht nicht, die Stunden nur zu erfassen; es muss ein klarer Prozess für deren Ausgleich existieren.
Ein praxiserprobtes Modell ist die Einführung von Kappungsgrenzen und Ampelkonten. Definieren Sie einen Korridor für Plus- und Minusstunden, der eine gewisse Flexibilität im Alltag erlaubt. Wird eine bestimmte Schwelle an Überstunden überschritten (z.B. 20 Stunden), springt das Konto auf „Gelb“, was ein verpflichtendes Gespräch zwischen Mitarbeiter und Führungskraft auslöst. Ziel ist es, die Ursachen für die Mehrarbeit zu analysieren: Liegt es an einer temporären Projektspitze oder an einer strukturellen Überlastung? Wird eine weitere, kritische Grenze erreicht („Rot“), muss zwingend ein Freizeitausgleich innerhalb eines festgelegten Zeitraums erfolgen.

Wie ernst die Gerichte die Dokumentationspflicht nehmen, zeigt ein aktuelles Urteil: Ein Hamburger Unternehmen, das auf sein etabliertes Vertrauensarbeitszeitmodell pochte, verlor im August 2024 eine Klage gegen die Anordnung zur Einführung eines Zeiterfassungssystems. Das Gericht stellte fest, dass die reine Existenz einer Vertrauenskultur die gesetzliche Pflicht zur Dokumentation nicht aufhebt, zumal in diesem Fall 33% der Mitarbeiter angaben, ohne Erfassung zu arbeiten. Dieser Fall belegt eindrücklich: Vertrauen ersetzt nicht die Dokumentation.
Weg von der Stunde, hin zum Ergebnis: Wie definieren Sie Arbeitspakete messbar?
Die grösste Sorge bei der Einführung der Zeiterfassung ist die Rückkehr zu einer reinen Anwesenheitskultur („Presenteeism“). Die Lösung liegt in einem bewussten Paradigmenwechsel: Die Zeiterfassung dient der rechtlichen Absicherung und dem Ressourcenschutz, während die Leistungsbewertung strikt ergebnisorientiert erfolgt. Dies erfordert jedoch, dass „Ergebnisse“ klar definiert und messbar gemacht werden. Statt zu fragen „War Mitarbeiter A acht Stunden anwesend?“, lautet die neue Leitfrage: „Hat Team B das definierte Wochenziel erreicht?“.
Um dies zu operationalisieren, müssen Aufgaben in konkrete Arbeitspakete mit klaren Zielen (Objectives) und Schlüsselergebnissen (Key Results, OKRs) zerlegt werden. Ein „Arbeitspaket“ ist mehr als nur eine vage Aufgabe. Es hat einen definierten Anfang, ein klares Ende und ein messbares Ergebnis. Beispielsweise wird aus „die Website überarbeiten“ das Arbeitspaket „Analyse der User-Experience und Umsetzung von drei Optimierungsmassnahmen zur Reduzierung der Absprungrate auf der Startseite um 10 % bis Ende Q3“. Diese Klarheit ermöglicht es Mitarbeitern, ihre Zeit autonom auf die Zielerreichung auszurichten.
Die rechtliche Verpflichtung bleibt davon unberührt, wie das Bundesarbeitsgericht betont. In seinem Beschluss stellte es klar, dass Arbeitgeber ein System einführen müssen, das objektiv, verlässlich und zugänglich ist. Wie die folgende Gegenüberstellung zeigt, schliessen sich eine gesetzeskonforme Erfassung und eine ergebnisorientierte Steuerung nicht aus, sondern ergänzen sich.
| Kriterium | Zeitbasierte Messung | Ergebnisbasierte Messung |
|---|---|---|
| Fokus | Anwesenheit & geleistete Stunden | Erreichte Ziele & Output-Qualität |
| Flexibilität | Gering (feste Arbeitszeiten) | Hoch (flexible Zielerreichung) |
| Motivation | Extrinsisch (Zeitableistung) | Intrinsisch (Zielerreichung) |
| Messbarkeit | Einfach (Stunden) | Komplex (KPIs definieren) |
| Rechtliche Konformität | Direkt BAG-konform | Zusätzliche Zeitdoku nötig |
Diese Trennung von Zeiterfassung (als administrativer Prozess) und Leistungsmessung (als strategischer Prozess) ist der Kern einer modernen Vertrauenskultur. Wie das Bundesarbeitsgericht in seinem wegweisenden Beschluss feststellte:
Arbeitgeber müssen ein objektives, verlässliches und zugängliches System einführen, mit dem die von den Arbeitnehmern geleistete Arbeitszeit erfasst werden kann.
– Bundesarbeitsgericht, BAG-Beschluss vom 13.09.2022
Dies ist eine rein technische Anforderung an das System, keine Vorgabe zur Leistungskultur.
Die Dokumentationsfalle: Welche Aufzeichnungen müssen Sie bei einer Prüfung zwingend vorlegen?
Die Einführung eines Zeiterfassungssystems ist nur die halbe Miete. Die eigentliche Herausforderung liegt in der korrekten, lückenlosen und prüfungssicheren Dokumentation. Viele Unternehmen unterschätzen die Details der gesetzlichen Anforderungen und tappen so in eine Dokumentationsfalle, die bei einer Prüfung durch den Zoll oder die Arbeitsschutzbehörde teuer werden kann. Denn bei Verstössen gegen das Arbeitsschutzgesetz können Bussgelder von bis zu 30.000 Euro drohen. Es geht also nicht nur um das „Ob“, sondern vor allem um das „Wie“ der Aufzeichnung.
Zwingend erforderlich ist die Dokumentation von Beginn, Ende und Dauer der täglichen Arbeitszeit für jeden einzelnen Mitarbeiter. Eine pauschale Angabe von „8 Stunden“ pro Tag ist nicht ausreichend. Ebenso müssen alle Pausenzeiten erfasst werden, um die Einhaltung der gesetzlichen Ruhepausen nachweisen zu können. Ein besonders kritischer Punkt ist die Dokumentation von Überstunden und deren Kompensation. Es muss klar ersichtlich sein, ob Mehrarbeit durch Freizeit oder finanzielle Vergütung ausgeglichen wurde. Diese Aufzeichnungen sind gemäss § 16 Abs. 2 Arbeitszeitgesetz (ArbZG) für mindestens zwei Jahre aufzubewahren.
Darüber hinaus ergeben sich aus der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) weitere Pflichten, da Arbeitszeitdaten als personenbezogene Daten gelten. Unternehmen müssen ein Verzeichnis der Verarbeitungstätigkeiten führen und sicherstellen, dass die Daten nur für den vorgesehenen Zweck verwendet werden. Falls die Mitarbeiter ihre Zeiten selbst erfassen – was im Rahmen einer Vertrauenskultur zu empfehlen ist – sollte dies über eine schriftliche Delegationsvereinbarung festgehalten werden, um die Verantwortlichkeiten klar zu regeln.
Aktionsplan zur Prüfungsvorbereitung: Arbeitszeitdokumentation
- Aufzeichnungen prüfen: Stellen Sie sicher, dass Beginn, Ende und Dauer der täglichen Arbeitszeit sowie Pausen für alle Mitarbeiter lückenlos erfasst werden.
- Überstunden-Management: Inventarisieren Sie alle geleisteten Überstunden und dokumentieren Sie den entsprechenden Ausgleich (Freizeit oder Vergütung) nachvollziehbar.
- Ruhezeiten-Check: Vergleichen Sie die erfassten Daten mit den gesetzlichen Vorgaben für Pausen und die ununterbrochene Ruhezeit von 11 Stunden zwischen zwei Arbeitstagen.
- Aufbewahrung und Datenschutz: Gewährleisten Sie die Archivierung der Daten für mindestens zwei Jahre und prüfen Sie die Konformität Ihrer Prozesse mit der DSGVO (z.B. Verarbeitungsverzeichnis).
- Delegation formalisieren: Erstellen Sie eine schriftliche Vereinbarung, wenn Mitarbeiter ihre Arbeitszeiten selbst erfassen, um die Übertragung der Dokumentationspflicht klar zu regeln.
Ampelkonto oder Gleitzeit: Welches Modell passt zu kreativer Wissensarbeit?
Für Branchen, die von Kreativität, Projektarbeit und Wissensaustausch leben, ist ein starres 9-to-5-Korsett pures Gift. Die Herausforderung besteht darin, ein Arbeitszeitmodell zu finden, das die gesetzlich geforderte Erfassung mit der nötigen Flexibilität für agile und kreative Prozesse verbindet. Zwei Modelle stehen hierbei oft im Fokus: das klassische Gleitzeitmodell und das modernere Ampelkonto-System. Beide sind mit der Zeiterfassungspflicht kompatibel, setzen aber unterschiedliche Akzente.
Das Gleitzeitmodell mit Kernarbeitszeiten bietet eine grundlegende Flexibilität, indem es den Mitarbeitern erlaubt, innerhalb eines definierten Rahmens (z.B. zwischen 7 und 19 Uhr) zu arbeiten, solange sie während der Kernzeit (z.B. 10 bis 15 Uhr) anwesend sind. Dieses Modell ist bewährt und einfach umzusetzen, kann aber in hochflexiblen oder global verteilten Teams an seine Grenzen stossen. Es fördert eher die individuelle Flexibilität als die teamorientierte, asynchrone Zusammenarbeit.
Das Ampelkonto-System, wie bereits erwähnt, geht einen Schritt weiter. Es verzichtet oft auf feste Kernzeiten und setzt stattdessen auf Vertrauen und klare Regeln zum Umgang mit Zeitguthaben. Es fördert die Eigenverantwortung, da Mitarbeiter aktiv ihren Zeitausgleich steuern müssen. Dieses Modell passt besonders gut zu einer ergebnisorientierten Kultur, da es den Fokus auf die Balance von Arbeitslast und Erholung legt, statt auf die reine Anwesenheit. Die Digitalisierung ist hierbei ein entscheidender Faktor, wie der Bitkom Digital Office Index 2024 zeigt. Zwar sehen 95% der Unternehmen Digitalisierung als Chance, doch die Komplexität der Systemumstellung (45%) und hohe Investitionen (40%) bleiben grosse Hürden. Die Wahl des richtigen, benutzerfreundlichen Tools ist daher entscheidend für den Erfolg eines flexiblen Modells.
Warum „Arbeitszeit“ als Messgrösse im Homeoffice ausgedient hat
Gerade im Homeoffice offenbart sich die Schwäche der reinen Arbeitszeit als Massstab für Produktivität. Wenn die soziale Kontrolle des Büros wegfällt, wird schnell klar: Anwesenheit vor dem Laptop bedeutet nicht automatisch wertschöpfende Arbeit. Der Versuch, die Bürosituation durch permanente Erreichbarkeit oder gar Überwachungssoftware zu simulieren, führt unweigerlich zu Misstrauen, Stress und einer Kultur der „Arbeits-Simulation“. Der Fokus muss sich daher zwingend von der investierten Zeit (Input) auf die erbrachten Ergebnisse (Output) verlagern.
Eine ergebnisorientierte Kultur im Remote-Setting basiert auf drei Säulen: klare Ziele, hohes Vertrauen und regelmässige Kommunikation. Anstatt die tägliche Arbeitszeit zu kontrollieren, definieren Führungskräfte klare, messbare Wochen- oder Projektziele. Die Mitarbeiter erhalten die Autonomie, selbst zu entscheiden, wann und wie sie diese Ziele am besten erreichen. Diese Flexibilität ist nicht nur ein Motivationsfaktor, sondern auch ein politisch gewolltes Ziel, wie es die Ampel-Koalition in ihrem Koalitionsvertrag festhielt.
Flexible Arbeitszeitmodelle (z.B. Vertrauensarbeitszeit) müssen weiterhin möglich sein.
– Ampel-Koalition, Koalitionsvertrag 2021, Seite 54
Die Zeiterfassungspflicht steht diesem Ansatz nicht im Weg. Im Gegenteil: Sie schützt Mitarbeiter im Homeoffice vor der schleichenden Ausdehnung der Arbeitszeit und der „Always-on“-Mentalität. Die erfassten Daten dienen als Grundlage für einen gesunden Dialog über Arbeitsbelastung und die Notwendigkeit, klare Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben zu ziehen. Sie wird vom Kontrollinstrument zum Werkzeug für Selbstfürsorge und Work-Life-Balance.

Wer sitzt, arbeitet nicht zwangsläufig: Wie entlarven Sie „Arbeits-Simulation“ im Büro?
Das Phänomen der „Arbeits-Simulation“ oder des „Presenteeism“ ist nicht neu, gewinnt aber im Kontext der Zeiterfassung an Brisanz. Wenn Mitarbeiter das Gefühl haben, nur für ihre Anwesenheit bezahlt und bewertet zu werden, optimieren sie genau das: Anwesenheit. Sie sind physisch im Büro oder online im System, aber ihre kognitiven Ressourcen sind nicht auf wertschöpfende Tätigkeiten gerichtet. Lange Anwesenheitszeiten werden zum Statussymbol, während echte Effizienz nicht belohnt wird. Dies ist nicht nur unproduktiv, sondern auch toxisch für die Unternehmenskultur.
Die Pflicht zur Zeiterfassung kann dieses Problem unbeabsichtigt verschärfen, wenn sie falsch kommuniziert wird. Der einzige Weg, Arbeits-Simulation zu „entlarven“ und – viel wichtiger – zu verhindern, ist die konsequente Fokussierung auf Ergebnis-Transparenz. Machen Sie Fortschritte und Ergebnisse für das gesamte Team sichtbar. Tools wie Kanban-Boards oder Projektmanagement-Software, in denen Aufgaben, Verantwortlichkeiten und der aktuelle Status für alle einsehbar sind, schaffen eine Kultur der kollektiven Verantwortung. Wenn klar ist, wer an welchem Ergebnis arbeitet und wo es hakt, verliert die reine Anwesenheit an Bedeutung.
Regelmässige, kurze Check-ins (z.B. Daily Stand-ups) ersetzen die Notwendigkeit der permanenten Kontrolle. In diesen Meetings geht es nicht darum, Rechenschaft über jede Minute abzulegen, sondern darum, Fortschritte zu teilen und Hindernisse (Blocker) zu identifizieren. So entsteht ein gemeinsamer Rhythmus, der auf Output und gegenseitiger Unterstützung basiert. In einem solchen Umfeld wird schnell offensichtlich, wer einen Beitrag leistet und wer nur „Zeit absitzt“. Das Problem der Arbeits-Simulation löst sich somit von selbst, da der soziale und prozessuale Druck in Richtung Ergebnisorientierung wirkt.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Zeiterfassungspflicht ist eine rechtliche Notwendigkeit, aber die Methode der Umsetzung bleibt flexibel und kann kulturschonend gestaltet werden.
- Der Schlüssel zum Erhalt von Autonomie und Motivation liegt in der konsequenten Trennung von administrativer Zeiterfassung und strategischer, ergebnisorientierter Leistungsbewertung.
- Eine transparente Dokumentation von Arbeits- und Überstunden schützt nicht nur das Unternehmen vor rechtlichen Risiken, sondern fördert auch die Gesundheit und Fairness gegenüber den Mitarbeitern.
Wie messen Sie die Produktivität in Remote-Teams ohne Überwachungstools einzusetzen?
Produktivität in Remote-Teams zu messen, ohne auf dystopische Überwachungstools zurückzugreifen, ist eine der zentralen Herausforderungen für modernes Leadership. Die Lösung liegt nicht in der Kontrolle des Prozesses, sondern in der Messung des Outputs und des Outcomes. Statt Mausbewegungen zu tracken, sollten Führungskräfte sich auf die Ergebnisse konzentrieren, die das Team liefert, und auf den Wert, den diese Ergebnisse für das Unternehmen schaffen.
Ein effektiver Ansatz ist die gemeinsame Definition von Key Performance Indicators (KPIs) oder OKRs (Objectives and Key Results) für das Team und für jeden Einzelnen. Diese Kennzahlen sollten SMART sein (spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch, terminiert) und den Fokus auf die Wertschöpfung legen. Beispiele sind: „Anzahl der abgeschlossenen User Stories pro Sprint“ für ein Entwicklerteam, „Kundenzufriedenheits-Score“ für ein Support-Team oder „generierte qualifizierte Leads“ für ein Marketing-Team. Diese Metriken schaffen eine objektive Grundlage für Leistungsgespräche.
Die Zeiterfassung spielt hier eine unterstützende, aber nicht die führende Rolle. Sie kann helfen, den Aufwand für bestimmte Projekte oder Aufgaben zu quantifizieren und so die Planung für die Zukunft zu verbessern. Wenn beispielsweise ein Projekt doppelt so lange gedauert hat wie geplant, sind die Zeiterfassungsdaten eine wertvolle Grundlage, um die Ursachen zu analysieren und Prozesse zu optimieren. Sie werden zum Diagnose-Tool, nicht zum Bewertungsinstrument. Die Übergangsfristen zur Einführung der elektronischen Zeiterfassung geben Unternehmen zudem die nötige Zeit, solche Prozesse sorgfältig zu implementieren.
| Unternehmensgrösse | Umsetzungsfrist | Besonderheiten |
|---|---|---|
| Ab 250 Mitarbeiter | 1 Jahr nach Inkrafttreten | Vollständig elektronische Erfassung |
| 50-249 Mitarbeiter | 2 Jahre | Elektronische Erfassung |
| 10-49 Mitarbeiter | 5 Jahre | Elektronische Erfassung |
| Bis 10 Mitarbeiter | Keine Frist | Papierform weiterhin erlaubt |
Letztendlich ist Vertrauen die Basis jeder produktiven Remote-Arbeit. Regelmässige 1-on-1-Gespräche, in denen es um die persönliche Entwicklung, das Wohlbefinden und eventuelle Hindernisse geht, sind weitaus effektiver als jede Form der digitalen Überwachung.
Häufige Fragen zu Vertrauensarbeitszeit und Zeiterfassungspflicht
Ist Vertrauensarbeitszeit nach dem BAG-Urteil noch möglich?
Ja, Vertrauensarbeitszeit bleibt möglich. Das BAG-Urteil fügt lediglich eine Dokumentationspflicht hinzu. Mitarbeiter können weiterhin ihre Arbeitszeit flexibel gestalten, müssen diese aber erfassen. Das Wesen der Vertrauensarbeitszeit – die eigenverantwortliche Einteilung der Arbeit zur Erreichung von Zielen – bleibt erhalten.
Welche Flexibilität bleibt bei der Arbeitszeitgestaltung?
Die individuelle Gestaltung der Arbeitszeiten innerhalb tarifvertraglicher oder gesetzlicher Leitplanken bleibt unbenommen. Nur die lückenlose Dokumentation von Beginn, Ende und Dauer der Arbeitszeit ist nun verpflichtend. Modelle wie Gleitzeit, Ampelkonten oder projektbezogene Arbeitszeiteinteilung sind weiterhin uneingeschränkt umsetzbar.
Können Tarifparteien Ausnahmen vereinbaren?
Ja, laut dem Referentenentwurf zur Gesetzesänderung können die Tarifpartner von der grundsätzlichen Pflicht zur elektronischen Erfassung abweichen. Sie können beispielsweise händische Aufzeichnungen (Stundenzettel) oder andere, nicht-elektronische Systeme zulassen, insbesondere wenn die Besonderheiten der Branche dies erfordern.