Veröffentlicht am April 17, 2024

Ihre alten Maschinen sind keine Belastung, sondern eine ungenutzte Goldgrube für Industrie 4.0 – wenn Sie aufhören, in teuren Neuinvestitionen zu denken und stattdessen auf chirurgisch präzise Datenextraktion setzen.

  • Fokussieren Sie sich auf das „Minimum Viable Data Set“: Identifizieren Sie die 2-3 Kennzahlen (z.B. Stromaufnahme, Vibration), die 80 % Ihrer Stillstände erklären.
  • Implementieren Sie neue Sensorik im „Schattenmodus“, ohne die laufende Produktion auch nur eine Minute zu unterbrechen oder die Maschinensteuerung anzufassen.
  • Übersetzen Sie Daten in klare Handlungsanweisungen für Ihre Werker, um Akzeptanz zu schaffen und die Effizienz sofort zu steigern.

Empfehlung: Beginnen Sie nicht mit dem Kauf von Sensoren, sondern mit einer knallharten Kosten-Nutzen-Analyse. Ein erfolgreiches Retrofit-Projekt startet auf dem Papier, nicht an der Maschine.

Als Produktionsleiter im deutschen Mittelstand stehen Sie vor einem Dilemma: Der Druck zur Digitalisierung im Sinne von Industrie 4.0 wächst täglich, doch das Budget für neue, smarte Maschinen, die eine halbe Million Euro oder mehr kosten, ist nicht vorhanden. Ihre 20 Jahre alten Anlagen laufen mechanisch einwandfrei, sind aber „dumm“ – sie liefern keine Daten, kommunizieren nicht und machen eine OEE-Optimierung (Gesamtanlageneffektivität) fast unmöglich. Die gängigen Ratschläge – „einfach Sensoren anbringen“ oder „alles mit der Cloud verbinden“ – klingen simpel, ignorieren aber die Realität: Sicherheitsbedenken, fehlende IT-Schnittstellen und die Sorge vor teuren, monatelangen Integrationsprojekten.

Die gute Nachricht ist: Der Königsweg liegt nicht im teuren Austausch, sondern in der intelligenten Nachrüstung. Doch der entscheidende Paradigmenwechsel besteht darin, Retrofitting nicht als ein Projekt zu sehen, bei dem es darum geht, möglichst viele Daten zu sammeln. Der Schlüssel zum Erfolg ist ein kostensparender, chirurgischer Ansatz: das „Minimum Viable Data“-Prinzip. Es geht darum, die eine oder zwei Datenquellen zu identifizieren, die den grössten Einfluss auf Ihre Produktivität und Qualität haben. Es geht darum, diese Daten sicher und mit minimalem Aufwand zu extrahieren und sie so aufzubereiten, dass Ihre Mitarbeiter an der Linie sofort einen Mehrwert erkennen und damit arbeiten können – und wollen.

Dieser Artikel ist Ihre pragmatische Anleitung. Wir zeigen Ihnen, wie Sie ohne grosse Investitionen und Produktionsausfälle Ihre bestehenden Anlagen Schritt für Schritt fit für die Zukunft machen. Wir überspringen das Marketing-Gerede und konzentrieren uns auf technisch fundierte, kosteneffiziente Lösungen, die sich in der Praxis bewährt haben.

Der folgende Leitfaden führt Sie durch die entscheidenden Phasen eines erfolgreichen Retrofit-Projekts. Von der Auswahl der richtigen Sensoren über die sichere Datenanbindung bis hin zur Integration in Ihre bestehende IT-Landschaft erhalten Sie eine klare Roadmap.

Welche Sensoren brauchen Sie wirklich, um OEE-Daten zu erfassen?

Der grösste Fehler bei Retrofit-Projekten ist die Annahme, man müsse alles messen. Das führt zu einem „Datenfriedhof“ und explodierenden Kosten. Der richtige Ansatz ist das „Minimum Viable Data Set“ (MVD). Fragen Sie sich nicht: „Was können wir messen?“, sondern: „Welche eine Kennzahl korreliert mit 80 % unserer Stillstände?“ Oft ist die Antwort überraschend einfach. Für die Erfassung der OEE-Verfügbarkeit genügt es häufig, den Stromverbrauch der Hauptspindel zu messen. Ein einfacher, nicht-invasiver Stromwandler für unter 100 Euro, der in fünf Minuten installiert ist, liefert Ihnen die entscheidende Information: Maschine läuft oder Maschine steht. Erst im zweiten Schritt geht es um die vorausschauende Wartung (Predictive Maintenance).

Für eine fundierte Entscheidung hilft eine pragmatische Matrix, die Kosten und Nutzen gegenüberstellt:

  • Gut (unter 100 €): Einfache Stromwandler zur Erfassung von Maschinenlaufzeiten. Diese sind nicht-invasiv und blitzschnell installiert, um die grundlegende Verfügbarkeit zu messen.
  • Besser (unter 500 €): Vibrations- und Temperatursensoren, beispielsweise von deutschen Herstellern wie IFM oder Balluff. Sie sind das Fundament für eine einfache vorausschauende Wartung, um Lagerschäden oder Überhitzung frühzeitig zu erkennen.
  • Am besten (ab 1.000 €): Prozesssensoren für Druck, Durchfluss oder Konzentration. Diese sind invasiver, liefern aber Daten, die direkt die Produktqualität beeinflussen und eine tiefere Prozessoptimierung ermöglichen.

Ein konkretes Beispiel liefert die TU Chemnitz: Dort wurde eine alte CNC-Fräse mit Schwingungs-, Temperatur- und Drehzahlsensoren nachgerüstet. Diese überwachen kontinuierlich den Zustand und melden Anomalien wie erhöhten Werkzeugverschleiss per MQTT/OPC UA an ein zentrales System. So werden Werkzeugbrüche verhindert und die Qualität gesichert. Wichtig ist dabei, auf die Einhaltung deutscher Kalibrierungsstandards (DKD/PTB-Richtlinien) zu achten, um vertrauenswürdige und vergleichbare Daten zu erhalten.

Wie verbinden Sie Maschinen ohne Internetanschluss sicher mit der Cloud?

Die grösste Hürde für viele Produktionsleiter ist die Angst vor Cyberangriffen. Eine 20 Jahre alte Steuerung direkt mit dem Internet zu verbinden, ist fahrlässig und wird von Ihrer IT-Abteilung zu Recht blockiert. Die Lösung liegt in der strikten Trennung von Produktionsnetzwerk (OT) und Büronetzwerk (IT). Der Schlüssel dazu ist ein Edge-Gateway. Dieses Gerät agiert als sichere, intelligente Brücke. Es sammelt die Daten direkt von den Sensoren an der Maschine, verarbeitet sie vor und sendet nur die notwendigen Informationen verschlüsselt in die Cloud oder an Ihr ERP-System. Die Maschine selbst bleibt dabei komplett vom Internet isoliert.

Ein Edge-Gateway als sichere Brücke, das eine alte Industriemaschine mit einer modernen Cloud-Infrastruktur verbindet.

Für eine professionelle und sichere Implementierung hat sich in der deutschen Industrie eine Architektur bewährt, die auf dem vom BSI empfohlene Prinzip der strikten Netzwerktrennung nach dem Purdue-Modell basiert. In der Praxis bedeutet das:

  • Edge-Gateway in einer DMZ: Das Gateway wird in einer „demilitarisierten Zone“ (DMZ) platziert, einem isolierten Netzwerksegment, das als Puffer zwischen Ihrem OT- und IT-Netzwerk dient.
  • OPC UA als Standard: Nutzen Sie den Kommunikationsstandard OPC UA. Er ist für die Industrie entwickelt und bringt eingebaute Sicherheitsmechanismen wie Authentifizierung, Signierung und Verschlüsselung mit.
  • Data Diode für kritische Infrastrukturen: In hochsensiblen Bereichen kann eine Data Diode eingesetzt werden. Dies ist eine physische Hardware-Barriere, die Daten nur in eine Richtung fliessen lässt – von der Maschine zur Cloud, niemals umgekehrt. Ein Angriff auf die Maschine über diesen Weg ist physikalisch unmöglich.

Dieses Vorgehen nach dem Prinzip „Security by Design“ stellt sicher, dass die Digitalisierung Ihrer Produktion nicht zu einem unkalkulierbaren Sicherheitsrisiko wird. Die Daten fliessen sicher, während Ihre wertvollen Produktionsanlagen geschützt bleiben.

Tablets an der Linie: Wie zeigen Sie Werkern Daten, die sie sofort nutzen können?

Die besten Daten sind wertlos, wenn Ihre Mitarbeiter an der Linie sie nicht verstehen oder als Bedrohung wahrnehmen. Ein Dashboard voller bunter Kurven ist für einen Analysten nützlich, für einen Werker unter Zeitdruck jedoch oft nur verwirrend. Der Schlüssel zur Akzeptanz und zum Erfolg liegt darin, Daten in klare, direkte Handlungsanweisungen zu übersetzen. Statt einer Temperaturkurve sollte auf dem Tablet stehen: „Achtung: Temperatur an Motor 3 steigt. Lager schmieren. Anleitung hier klicken.“ Dieser Ansatz, die „Daten-zu-Handlung-Brücke“, macht die Technologie zu einem hilfreichen Werkzeug statt zu einem Kontrollinstrument.

In der deutschen Arbeitskultur ist die Einbeziehung des Betriebsrats von Anfang an entscheidend. Positionieren Sie das Projekt als Massnahme zur Arbeitserleichterung und -sicherheit. Wie der Deutsche Betriebsrat betont, ist Transparenz hier gesetzlich verankert:

Leistungsdaten (§ 87 BetrVG) unterliegen der Mitbestimmung – positionieren Sie das Projekt als Werkzeug zur Arbeitserleichterung und Sicherheit, nicht zur Überwachung.

– Deutscher Betriebsrat, Betriebsverfassungsgesetz § 87

Um die Akzeptanz zu fördern und den Nutzen zu maximieren, haben sich folgende praktische Schritte bewährt:

  • Echtzeit-Feedback geben: Zeigen Sie einfache, relevante Statistiken (z.B. produzierte Stückzahl vs. Soll) auf grossen Anzeigetafeln in der Halle. Das fördert den Teamgeist und die Transparenz.
  • Anleitungen digitalisieren: Verknüpfen Sie Fehlermeldungen direkt mit digitalen Wartungsanleitungen oder Video-Tutorials auf dem Tablet.
  • Den „digitalen Werkerschein“ einführen: Entwickeln Sie ein kurzes Schulungsprogramm, um gerade ältere, erfahrene Mitarbeiter im Umgang mit den neuen Tools zu zertifizieren. Das schafft Wertschätzung und nimmt Ängste.

Indem Sie den Menschen in den Mittelpunkt stellen, wandeln Sie potenzielle Widerstände in aktives Engagement um. Die Mitarbeiter werden zu den wichtigsten Treibern der Effizienzsteigerung, weil die neue Technik ihre Arbeit spürbar verbessert.

Wie installieren Sie Retrofit-Kits im laufenden Betrieb ohne Produktionsausfall?

Die grösste Sorge jedes Produktionsleiters ist der Stillstand. Ein Retrofit-Projekt darf die Produktion nicht gefährden. Die Lösung ist die Implementierung im sogenannten „Schattenmodus“. Dabei wird die neue Sensorik zunächst parallel zum bestehenden System installiert, ohne in die Maschinensteuerung einzugreifen. Die Sensoren sammeln Daten, während die Maschine ganz normal weiterläuft. So können Sie das System risikofrei testen, Daten validieren und den Business Case beweisen, bevor auch nur eine einzige Zeile im Steuerungscode geändert wird.

Die Hände eines Technikers, der während eines geplanten Wartungsfensters sorgfältig einen Retrofit-Sensor an einer alten Maschine anbringt.

Schaeffler berichtet von einer solchen Installation, bei der zunächst ausschliesslich nicht-invasive Sensoren wie ansteckbare Stromwandler und aufgeklebte Vibrationssensoren genutzt wurden. Die Installation erfolgte in geplanten Wartungsfenstern ohne Produktionsausfall. Das Ergebnis: Allein durch die Transparenz über den Energieverbrauch konnte dieser ausserhalb der Produktionszeiten um 57 % gesenkt werden. Der Rollback, also die Rückkehr zum alten Zustand, wäre jederzeit in Minuten möglich gewesen. Diese Vorgehensweise minimiert das Risiko und schafft Vertrauen im gesamten Unternehmen. Ein strukturierter Phasenplan ist dabei unerlässlich.

Phasenplan für eine risikoarme Retrofit-Implementierung
Phase Aktivität Zeitaufwand Risiko
1. Analyse Eignung für Retrofit prüfen 1-2 Tage Niedrig
2. Schattenmodus Nicht-invasive Sensoren installieren <5 Minuten pro Sensor Sehr niedrig
3. Validierung Daten sammeln ohne Eingriff 2-4 Wochen Niedrig
4. Go/No-Go Rollback-Plan erstellen 1 Tag Niedrig
5. Rollout In Wartungsfenster integrieren <30 Minuten Rollback Mittel

Durch die Installation während kurzer, ohnehin geplanter Wartungspausen und die Nutzung von Plug-and-Play-Komponenten wird der Produktionsablauf nicht gestört. Die Validierungsphase im Schattenmodus liefert Ihnen zudem harte Fakten, um die endgültige Investition intern zu rechtfertigen. So wird aus einem gefürchteten Grossprojekt eine Serie von kleinen, kontrollierten und erfolgreichen Schritten.

Retrofit für 10.000 € vs. Neumaschine für 500.000 €: Wann lohnt sich was?

Die finanzielle Entscheidung zwischen Retrofit und Neuanschaffung ist der Kernpunkt. Pauschale Aussagen helfen hier nicht weiter. Eine strukturierte Analyse der Zahlen ist entscheidend. Grundsätzlich gilt: Ein Retrofit kostet in der Praxis meist nur 30-50% der Neuanschaffungskosten, oft sogar deutlich weniger. Eine Investition von 10.000 bis 50.000 Euro kann sich bereits nach 1,5 bis 2 Jahren amortisieren, während eine Neumaschine oft 5 bis 10 Jahre benötigt. Hinzu kommt der immense Vorteil, dass die Produktion während der Nachrüstung kaum oder gar nicht ausfällt, während eine neue Anlage oft wochen- oder monatelange Stillstände für Installation und Inbetriebnahme bedeutet.

Besonders attraktiv wird das Retrofitting durch staatliche Unterstützung. So kann eine 10.000€-Investition durch das Programm ‚Digital Jetzt‘ um bis zu 40% Förderung reduziert werden. Auch ökologische Aspekte spielen eine immer grössere Rolle. Die VDI ZRE-Studie „Ökologische und ökonomische Bewertung von Retrofit-Massnahmen“ belegt, dass die Weiternutzung bestehender Maschinen den CO2-Fussabdruck im Vergleich zur energieintensiven Neuproduktion drastisch senkt.

Die folgende Entscheidungsmatrix hilft, die Optionen objektiv zu bewerten:

Entscheidungsmatrix: Retrofit vs. Neuanschaffung
Kriterium Retrofit Neumaschine
Investitionskosten 10.000-50.000€ 500.000€+
Amortisationszeit 1,5-2 Jahre 5-10 Jahre
Produktionsausfall Minimal (Wartungsfenster) Wochen bis Monate
CO2-Fussabdruck Niedrig (Weiternutzung) Hoch (Neuproduktion)
Technologiesprung Begrenzt Maximal
Schulungsaufwand Gering Hoch

Die Entscheidung für ein Retrofit ist fast immer dann richtig, wenn die mechanische Substanz der Maschine gut ist und es primär um Datentransparenz, OEE-Steigerung und vorausschauende Wartung geht. Eine Neumaschine ist nur dann unumgänglich, wenn komplett neue Fertigungstechnologien oder eine massive Steigerung der Taktzahl erforderlich sind, die die alte Mechanik nicht mehr hergibt.

Wie verbinden Sie moderne APIs mit alten ERP-Systemen ohne teure Middleware?

Sie haben erfolgreich Daten aus Ihrer Maschine extrahiert. Nun steht die nächste Herausforderung an: Wie gelangen diese Informationen in Ihr 20 Jahre altes ERP-System, das über keine moderne API-Schnittstelle verfügt? Die Antwort lautet nicht zwangsläufig teure Middleware oder ein aufwendiges IT-Projekt. Mit pragmatischen, kostengünstigen Lösungen können Sie eine Brücke zwischen der alten und der neuen Welt bauen. Der Trick besteht darin, die vorhandenen, wenn auch veralteten, Export- und Importfähigkeiten Ihres ERP-Systems kreativ zu nutzen.

Anstatt auf eine direkte Echtzeit-Integration zu zielen, die oft komplex und teuer ist, können Sie asynchrone Methoden verwenden, die für viele Anwendungsfälle völlig ausreichen. Ein stündlicher oder sogar täglicher Datenaustausch ist oft genug, um die Planung oder Materialwirtschaft zu aktualisieren. Dieser Ansatz reduziert die Komplexität und die Kosten drastisch. Statt teurer Softwarelizenzen können oft einfache Skripte oder Open-Source-Tools die Aufgabe übernehmen. Es ist ein klassischer Ingenieursansatz: das Problem mit den vorhandenen Mitteln clever lösen, anstatt es mit Geld zu erschlagen.

Ihr Aktionsplan: Alt-ERP mit modernen Tools verbinden

  1. Database Polling: Prüfen Sie, ob Ihr altes ERP eine zugängliche Datenbank hat (z.B. MS SQL, Oracle). Ein einfaches Python-Skript kann diese Datenbank periodisch abfragen und die Daten an moderne Systeme weiterleiten.
  2. File-Watcher-Lösung: Viele Altsysteme können automatisierte Berichte als CSV- oder XML-Dateien in einem bestimmten Ordner ablegen. Ein „File-Watcher“-Dienst kann auf neue Dateien in diesem Ordner reagieren, sie einlesen und per API weiterverarbeiten.
  3. Low-Code-Plattformen nutzen: Nutzen Sie eine deutsche Open-Source-Plattform wie n8n. Mit ihr können Sie visuell Workflows erstellen, die zum Beispiel eine CSV-Datei aus einer E-Mail lesen und die Inhalte in eine Google-Tabelle oder ein modernes SaaS-Tool schreiben.
  4. MySQL als Puffer: Richten Sie eine einfache, moderne MySQL-Datenbank als Puffer ein. Ihr altes ERP-System schreibt seine Exporte in diese Datenbank. Moderne Anwendungen können dann über deren standardisierte API auf die Daten zugreifen, ohne das Altsystem direkt zu berühren.
  5. Sensoren nach Prozess wählen: Je nach Anwendung können Temperatur-, Druck-, Bewegungs- oder Lasersensoren die nötigen Daten liefern, die dann über die IoT-Plattform Schwellwerte an das ERP-System melden.

Diese Methoden ermöglichen eine schrittweise und kosteneffiziente Integration. Sie modernisieren Ihre Prozesslandschaft, ohne Ihr Kernsystem sofort ersetzen zu müssen, und schaffen so einen sanften Übergang in die vernetzte Produktion.

Wie Sie durch digitale Zwillinge physische Prototypenphasen komplett überspringen

Nachdem Sie die ersten Daten Ihrer Maschine erfassen, eröffnet sich eine neue, revolutionäre Möglichkeit: der digitale Zwilling. Anstatt Änderungen oder Optimierungen direkt an der teuren, produktiven Hardware zu testen, erstellen Sie ein virtuelles Modell der Maschine. Dieser Zwilling wird mit den Echtzeitdaten Ihrer nachgerüsteten Sensoren gespeist und verhält sich dadurch exakt wie sein physisches Gegenstück. Der Vorteil ist immens: Sie können Szenarien, neue Parameter oder sogar die Auswirkungen eines geplanten Retrofit-Upgrades komplett risikofrei am Computer simulieren. Sie validieren den Business Case, bevor Sie auch nur eine Schraube an der realen Anlage anfassen.

Eine 3D-Simulation, die den digitalen Zwilling einer Industriemaschine in einer futuristischen, datengestützten Umgebung zeigt.

Ein digitaler Zwilling dient nicht nur der Simulation, sondern auch der Dokumentation und Schulung. Werker können in der virtuellen Umgebung den Umgang mit neuen Dashboards oder Prozessen trainieren, ohne die Produktion zu stören. Für den Mittelstand erscheint dies oft wie eine unbezahlbare Zukunftstechnologie, doch es gibt zugängliche Wege. Wie Experten vom Fraunhofer IPT anmerken, ist der Einstieg oft gefördert und einfacher als gedacht:

Viele Fraunhofer-Institute wie IGCV und IPT bieten geförderte Projekte für den Mittelstand an, um digitale Zwillinge von bestehenden Brownfield-Anlagen zu erstellen.

– Fraunhofer IPT, Fraunhofer Institut für Produktionstechnologie

Die Erstellung eines digitalen Zwillings für Ihr Retrofit-Projekt ermöglicht es Ihnen, den ROI präzise vorherzusagen. Sie können simulieren, wie sich eine bestimmte OEE-Verbesserung auf den Gesamt-Output auswirkt oder welche Energieeinsparungen realistisch sind. Dieses Vorgehen minimiert das Investitionsrisiko und liefert eine solide Entscheidungsgrundlage für das Management. Der digitale Zwilling wird so vom Buzzword zum mächtigen Werkzeug für eine kosteneffiziente und sichere Modernisierung.

Das Wichtigste in Kürze

  • Beginnen Sie mit dem „Minimum Viable Data“-Ansatz, um Kosten zu sparen und schnelle Erfolge zu erzielen.
  • Nutzen Sie den „Schattenmodus“ für eine risikoarme Implementierung ohne Produktionsausfälle.
  • Setzen Sie auf sichere Architekturen (Edge-Gateway, DMZ, OPC UA), um Ihre Anlagen zu schützen und die IT-Abteilung zu überzeugen.

Wie integrieren Sie neue SaaS-Tools in veraltete IT-Landschaften ohne Datenverlust?

Die Modernisierung endet nicht an der Maschine. Um wirklich agil zu werden, möchten Sie moderne, cloudbasierte SaaS-Tools (Software-as-a-Service) für Analyse, Reporting oder Projektmanagement nutzen. Doch wie integriert man diese in eine IT-Landschaft, die aus über Jahrzehnte gewachsenen, isolierten Systemen besteht, ohne Datenverlust oder Sicherheitslücken? Der Schlüssel liegt in einer kontrollierten, stufenweisen Öffnung Ihrer Systeme und der Wahl der richtigen Partner. Die Sicherheit und der Datenschutz (DSGVO) stehen dabei an erster Stelle.

Eine grundlegende Regel ist die Wahl von Anbietern, die ihre Daten nachweislich in der EU verarbeiten. Achten Sie darauf, dass Sie gezielt SaaS-Anbieter mit Servern in der EU, gehostet bei AWS Frankfurt/Azure Berlin oder ähnlichen zertifizierten Rechenzentren, auswählen. Dies ist eine Grundvoraussetzung, um die DSGVO-Konformität zu gewährleisten. Der nächste Schritt ist die Definition von Sicherheitsstufen, abhängig davon, wie stark eine Maschine vernetzt ist oder sein muss. Eine Maschine ohne Netzwerkverbindung stellt andere Anforderungen als eine, die eine Fernwartung durch den Hersteller ermöglichen soll.

Das bereits erwähnte Edge-Gateway spielt auch hier eine zentrale Rolle. Es fungiert als Puffer und Sicherheitsbarriere. Selbst wenn die Internetverbindung zur SaaS-Plattform für Stunden oder Tage ausfällt, speichert das Gateway die Maschinendaten zwischen und sendet sie, sobald die Verbindung wiederhergestellt ist. So wird ein Datenverlust verhindert. Für die Anbindung an die SaaS-Tools selbst sollten immer moderne, verschlüsselte API-Gateways verwendet werden. Diese kontrollieren exakt, welche Daten von welchem Dienst abgerufen werden dürfen, und protokollieren alle Zugriffe. So behalten Sie die volle Kontrolle über Ihre Daten, selbst wenn Sie die Flexibilität moderner Cloud-Tools nutzen.

Die Integration neuer Werkzeuge ist der letzte Baustein. Um Ihre Strategie zu vervollständigen, ist es entscheidend zu verstehen, wie Sie neue SaaS-Tools sicher in Ihre IT-Landschaft einbinden.

Der Weg zur Industrie 4.0 muss nicht mit einer millionenschweren Neuinvestition beginnen. Durch die intelligente und gezielte Nachrüstung Ihrer bewährten Maschinen schaffen Sie mit einem Bruchteil des Budgets die Transparenz, die Sie für eine echte Effizienzsteigerung benötigen. Beginnen Sie noch heute damit, das verborgene Potenzial Ihres Maschinenparks zu analysieren und den ersten, kostengünstigen Schritt in Richtung einer vernetzten Produktion zu machen.

Geschrieben von Robert Lang, Diplom-Ingenieur für Produktionstechnik und Berater für Industrie 4.0. 20 Jahre Erfahrung in F&E, Fertigungsoptimierung und Innovationsmanagement im produzierenden Gewerbe.