Veröffentlicht am März 12, 2024

Der Schlüssel zur Vermeidung von Produktflops liegt nicht darin, Kundenwünsche zu sammeln, sondern die Zahlungsbereitschaft für ein Kernproblem zu validieren – und das, bevor Sie Ressourcen in einen Prototyp investieren.

  • Co-Creation ist ein strategischer Filter, kein kreativer Wunschzettel. Es geht darum, die richtigen Kunden für die richtige Phase der Entwicklung einzubinden.
  • Methoden wie Fake-Door-Tests sind entscheidend, um echte Kaufintention von blossem Interesse zu unterscheiden.

Empfehlung: Verlagern Sie Ihren Fokus von der Frage „Was sollen wir bauen?“ hin zu „Welches Problem ist so schmerzhaft, dass Kunden für eine Lösung bezahlen würden?“.

Die Entwicklung eines neuen Produkts ist ein hochriskantes Unterfangen. Unzählige Stunden und erhebliche Budgets fliessen in Konzepte, die am Ende vom Markt nicht angenommen werden. Viele Unternehmen versuchen, dieses Risiko durch Kundenintegration zu minimieren. Der gängige Ansatz ist oft, Kunden in Workshops zusammenzubringen, um eine Fülle von Ideen zu generieren. Man hofft, dass aus der Quantität der Vorschläge die eine zündende Idee für ein erfolgreiches Produkt hervorgeht.

Doch dieser Ansatz hat einen entscheidenden Haken: Er verwechselt Kreativität mit Validierung. Eine lange Liste von Feature-Wünschen ist kein Garant für Markterfolg. Im Gegenteil, sie kann Produktmanager und Designer in die Irre führen und dazu verleiten, ein überladenes Produkt zu entwickeln, das zwar viele Wünsche erfüllt, aber kein einziges echtes, drängendes Problem löst. Der wahre Wert der Co-Creation vor dem ersten Prototyp liegt nicht im Brainstorming, sondern in einem disziplinierten Prozess der Hypothesenprüfung.

Aber was, wenn der Schlüssel nicht darin liegt, *mehr* Ideen zu sammeln, sondern die richtigen Fragen zu stellen, um die Spreu vom Weizen zu trennen? Dieser Artikel zeigt Ihnen, wie Sie Co-Creation als ein rigoroses Validierungswerkzeug einsetzen. Wir beleuchten, wie Sie nicht nur herausfinden, *was* Kunden sich wünschen, sondern *warum* sie es sich wünschen und vor allem, ob eine echte Zahlungsbereitschaft dahintersteckt. Es ist ein Paradigmenwechsel: weg vom Sammeln von Ideen, hin zum Filtern von Problemen, die es wert sind, gelöst zu werden.

Wir werden gemeinsam erkunden, wie Sie die richtigen Partner für Ihre Co-Creation-Initiativen auswählen, Workshops so gestalten, dass sie zu messbaren Ergebnissen führen, und wie Sie die kommerzielle Tragfähigkeit einer Idee testen, lange bevor die erste Zeile Code geschrieben oder die erste Komponente gefertigt wird. Dieser Leitfaden liefert die Strategien, um Entwicklungszyklen zu verkürzen und die Trefferquote Ihrer Innovationen signifikant zu erhöhen.

Innovatoren vs. Nörgler: Mit welchen Kunden sollten Sie neue Produkte entwickeln?

Die erste entscheidende Weiche für eine erfolgreiche Co-Creation ist die Auswahl der Teilnehmer. Es ist ein verbreiteter Irrglaube, dass man einfach nur einen Querschnitt der eigenen Zielgruppe einladen muss. In Wahrheit erfordern unterschiedliche Phasen der Produktentwicklung unterschiedliche Typen von Kunden. Die Kunst besteht darin, nicht zwischen „guten“ und „schlechten“ Kunden zu unterscheiden, sondern die Rolle jedes Teilnehmers strategisch zu verstehen und zu nutzen.

An vorderster Front stehen die Innovatoren und Early Adopters. Diese Kunden sind von Natur aus neugierig, technologieaffin und bereit, unfertige Produkte auszuprobieren. Sie sind eine unschätzbare Quelle für radikal neue Ideen und unkonventionelle Anwendungsfälle. Methoden wie Ideenwettbewerbe oder die Analyse von Community-Foren, in denen Nutzer über Hacks und neue Use-Cases diskutieren, helfen dabei, diese Vordenker zu identifizieren. Sie sind perfekt geeignet, um die Grenzen des Möglichen auszuloten.

Auf der anderen Seite des Spektrums stehen die sogenannten „Nörgler“ oder pragmatischen Kritiker. Dies sind oft langjährige, anspruchsvolle Nutzer, die die Schwächen Ihres bestehenden Angebots bis ins kleinste Detail kennen. Ihre Kritik ist kein Störfeuer, sondern ein präziser Radar für die dringendsten Probleme und Schmerzpunkte. Ein Innovationszirkel mit ausgewählten, erfahrenen Kunden kann hier Gold wert sein. Während Innovatoren Ihnen zeigen, was in Zukunft möglich sein könnte, zeigen Ihnen Kritiker, was heute repariert werden muss, um den Kernwert zu steigern. Der Erfolg der S-Bahn Mitteldeutschland, die durch Fahrgastbeteiligung über 100 Ideen für Serviceverbesserungen generierte, zeigt, wie wertvoll das Feedback der breiten Masse sein kann, aus der dann spezifische Nutzertypen gefiltert werden können.

Die Balance ist der Schlüssel: Eine Mischung aus visionären Innovatoren und bodenständigen Kritikern liefert sowohl die Inspiration für die Zukunft als auch die notwendige Erdung in den realen Problemen Ihrer aktuellen Nutzerbasis.

Wie moderieren Sie einen Co-Creation-Workshop, damit echte Ergebnisse entstehen?

Ein Co-Creation-Workshop, der nur eine Wand voller bunter Post-its hervorbringt, hat sein Ziel verfehlt. Das eigentliche Ziel ist nicht die schiere Menge an Ideen, sondern die strukturierte Validierung von Problemen und die Priorisierung von Lösungsansätzen. Als Moderator ist es Ihre Aufgabe, die kreative Energie der Teilnehmer in messbare und umsetzbare Ergebnisse zu kanalisieren. Dies erfordert einen klaren Rahmen und Methoden, die über reines Brainstorming hinausgehen.

Der Fokus muss von Beginn an auf dem Problem-Lösungs-Fit liegen. Statt die Teilnehmer zu fragen „Welche Features wünscht ihr euch?“, leiten Sie die Diskussion mit Fragen wie „Was ist der frustrierendste Teil Ihres aktuellen Workflows?“ oder „Wenn Sie eine magische Lösung für ein Problem hätten, welches wäre das und warum?“. So verlagern Sie den Fokus von oberflächlichen Wünschen auf tiefgreifende Bedürfnisse. Die visuelle Strukturierung dieser Erkenntnisse ist dabei essenziell.

Strukturierte Workshopmethoden mit Post-its und Arbeitsmaterialien für Co-Creation

Wie die Anordnung der Materialien im Bild andeutet, geht es um einen geordneten Prozess. Nutzen Sie Techniken wie das „Problem-Stack-Ranking“, bei dem die Teilnehmer die identifizierten Probleme nach Dringlichkeit und Häufigkeit bewerten. Eine weitere wirksame Methode ist die „Value-vs-Effort-Matrix“: Die Gruppe schätzt gemeinsam den potenziellen Nutzen einer Lösung für den Kunden und den geschätzten Umsetzungsaufwand. Das Ergebnis ist keine chaotische Ideensammlung, sondern eine klare, priorisierte Roadmap der relevantesten Probleme, die es zu lösen gilt. Dies ist der erste Schritt zur Erstellung eines validierten Wertversprechens.

Ein erfolgreicher Workshop endet also nicht mit Applaus für die Kreativität, sondern mit einem klaren Konsens über die Top 3 Probleme, die Ihr Team als Nächstes angehen sollte – eine entscheidende Grundlage für die Ressourcen-Allokation.

Wem gehört die Idee? Rechtliche Fallstricke bei gemeinsamer Entwicklung

Die Begeisterung für Co-Creation kann schnell abkühlen, wenn die heikle Frage des geistigen Eigentums (Intellectual Property, IP) aufkommt. Unklare Vereinbarungen über die Rechte an den gemeinsam entwickelten Ideen können nicht nur zu kostspieligen Rechtsstreitigkeiten führen, sondern auch das Vertrauen untergraben, das für eine offene Zusammenarbeit unerlässlich ist. Rechtliche Klarheit ist daher kein bürokratisches Hindernis, sondern das Fundament für eine erfolgreiche und nachhaltige Co-Creation-Partnerschaft.

Die IP-Regelungen hängen stark vom gewählten Co-Creation-Modell ab. Es gibt nicht den einen, pauschalen Ansatz. Die Art und Weise, wie Sie die Zusammenarbeit strukturieren, bestimmt, wer die Kontrolle über die Beiträge hat und wem die finalen Ergebnisse gehören. Ein grundlegendes Verständnis der verschiedenen Modelle ist daher für jeden Produktmanager unerlässlich.

Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über gängige Co-Creation-Typen und deren Implikationen für die Kontrolle und das Eigentum, wie sie in der Fachliteratur diskutiert werden. Je nachdem, ob Sie auf offene Zusammenarbeit setzen oder feste Vorgaben machen, ändern sich die rechtlichen Rahmenbedingungen fundamental.

Vergleich verschiedener Co-Creation-Ansätze
Co-Creation-Typ Beitragsoffenheit Auswahlkontrolle Beispiel
Collaborating Offen Kunden-geführt Open-Source Software
Tinkering Eingeschränkt offen Unternehmen-geführt Video-Game Mods
Co-Designing Feste Vorgaben Kunden-Auswahl Threadless T-Shirts
Submitting Feste Vorgaben Unternehmen-Auswahl Designwettbewerbe

Um Fallstricke zu vermeiden, ist eine klare Teilnahmevereinbarung (Co-Creation Agreement) unerlässlich. Diese sollte vor Beginn jeder Aktivität von allen Teilnehmern akzeptiert werden. Darin muss unmissverständlich geregelt sein, dass alle im Rahmen des Prozesses generierten Ideen und Beiträge in das Eigentum des Unternehmens übergehen. Transparenz ist hier entscheidend: Kommunizieren Sie offen, warum diese Regelung notwendig ist – nämlich um die entwickelten Ideen ohne rechtliche Hürden zu einem marktfähigen Produkt weiterentwickeln zu können. Dies schützt nicht nur Ihr Unternehmen, sondern schafft auch für alle Beteiligten eine klare und faire Grundlage.

Letztendlich ermöglicht eine saubere rechtliche Vorbereitung erst die offene und vertrauensvolle Atmosphäre, in der bahnbrechende Innovationen entstehen können.

Fake-Door-Tests: Wie testen Sie Zahlungsbereitschaft, bevor das Produkt existiert?

Die Geschichte der Produktentwicklung ist voll von prominenten Co-Creation-Initiativen, die trotz hoher Beteiligung scheiterten, wie Analysen von Projekten wie Dell IdeaStorm oder MyStarbucksIdeas zeigen. Der Grund ist oft derselbe: Ein Übermass an unverbindlichen Ideen wurde mit echter Marktnachfrage verwechselt. Die entscheidende Frage vor der Prototypen-Entwicklung lautet daher nicht „Gefällt den Kunden diese Idee?“, sondern „Sind die Kunden bereit, für die Lösung dieses Problems Geld, Zeit oder Daten zu investieren?“. Hier kommen Fake-Door-Tests ins Spiel.

Ein Fake-Door-Test ist eine einfache, aber wirkungsvolle Methode, um die tatsächliche Kaufintention zu messen. Sie erstellen eine Landingpage, eine Produktanzeige oder einen Button in Ihrer App für ein Produkt, das noch nicht existiert. Diese „falsche Tür“ beschreibt das Wertversprechen des potenziellen Produkts und fordert den Nutzer zu einer konkreten Handlung auf: zum Beispiel „Jetzt kaufen“, „Für die Beta anmelden“ oder „Preis anfragen“. Klickt der Nutzer, wird er auf eine Seite geleitet, die transparent macht, dass das Produkt noch in der Entwicklung ist, und ihm beispielsweise anbietet, sich für weitere Informationen einzutragen. Die Klickrate auf den Call-to-Action ist ein starkes Zahlungsbereitschafts-Signal.

Bevor Sie jedoch einen solchen Test starten, sollten Sie die grundsätzliche Eignung Ihres Vorhabens prüfen. Der von Fisher & Rindfleisch (2023) entwickelte CO-CREATION READINESS SCORECARD bietet hier eine wertvolle Hilfestellung. Er bewertet anhand von 12 gezielten Fragen die Risiken und Chancen eines Projektes. Sechs dieser Fragen fokussieren auf die Beitragsbereitschaft der Kunden (Contribution Readiness), während die anderen sechs die Fähigkeit des Unternehmens zur Auswahl und Verarbeitung der Beiträge (Selection Readiness) analysieren. Diese Bewertung hilft, Ressourcen nicht in aussichtslose Projekte zu investieren.

Indem Sie die Zahlungsbereitschaft vorab testen, treffen Sie datengestützte Entscheidungen darüber, welche Ideen es wert sind, weiterverfolgt zu werden, und vermeiden so, wertvolle Entwicklungsressourcen auf Annahmen zu verschwenden.

Wie filtern Sie aus 100 Kundenwünschen die 3 Features heraus, die zählen?

Co-Creation-Prozesse können eine Flut an Kundenwünschen und Ideen erzeugen. Diese Fülle an Input ist Segen und Fluch zugleich. Ohne einen systematischen Filterprozess laufen Sie Gefahr, sich in Details zu verlieren oder Features zu priorisieren, die zwar lautstark gefordert, aber für den Geschäftserfolg irrelevant sind. Die Kunst besteht darin, das Rauschen von den wertvollen Signalen zu trennen und sich auf die wenigen Features zu konzentrieren, die den grössten Hebel für Kundenzufriedenheit und -bindung haben.

Einige Unternehmen wie IKEA nutzen Co-Creation erfolgreich, um emotionale Bindung und Markenengagement zu schaffen, indem sie Kinder Stofftiere entwerfen lassen. Dieser Ansatz ist brillant für das Marketing, doch für die meisten Produktentscheidungen benötigen Sie einen analytischeren Entscheidungsfilter. Ein bewährtes Werkzeug hierfür ist das Kano-Modell. Es hilft, Kundenwünsche in verschiedene Kategorien einzuordnen und so ihre wahre Bedeutung zu verstehen.

Visualisierung des Kano-Modells zur Feature-Priorisierung mit geometrischen Formen

Das Kano-Modell, hier symbolisch dargestellt, unterscheidet im Kern zwischen drei Hauptkategorien von Features: Basis-Merkmale (selbstverständlich, ihr Fehlen führt zu Unzufriedenheit), Leistungs-Merkmale (je mehr, desto besser) und Begeisterungs-Merkmale (unerwartet, schaffen Differenzierung und Freude). Ein systematischer Filterprozess hilft Ihnen, zu erkennen, welche Wünsche in welche Kategorie fallen. So stellen Sie sicher, dass Sie zuerst die Grundlagen abdecken, bevor Sie in optionale Leistungs- oder teure Begeisterungs-Features investieren. Ergänzt durch Scoring-Modelle wie RICE (Reach, Impact, Confidence, Effort), können Sie eine datengestützte Prioritätenliste erstellen, die über das blosse „Bauchgefühl“ hinausgeht.

Aktionsplan: So filtern Sie wertvolle Features aus dem Kundenfeedback

  1. Problem-Mapping: Ordnen Sie jeden Feature-Wunsch einem spezifischen Kundenproblem zu. Wünsche ohne klares Problem werden depriorisiert.
  2. Quantifizierung der Nachfrage: Zählen Sie, wie viele verschiedene Kunden dasselbe Problem oder einen ähnlichen Wunsch geäussert haben. Nutzen Sie Daten aus Umfragen, Interviews und Fake-Door-Tests.
  3. Kano-Analyse durchführen: Befragen Sie eine Stichprobe von Kunden gezielt, wie sie auf das Vorhandensein bzw. Nicht-Vorhandensein eines Features reagieren würden, um Basis-, Leistungs- und Begeisterungs-Merkmale zu identifizieren.
  4. RICE-Scoring anwenden: Bewerten Sie die Top-Kandidaten nach Reichweite (Reach), Auswirkung (Impact), Vertrauen in die Schätzung (Confidence) und Aufwand (Effort), um eine quantifizierbare Rangliste zu erstellen.
  5. Strategische Ausrichtung prüfen: Gleichen Sie die Top 3 der priorisierten Features mit Ihren übergeordneten Unternehmenszielen ab. Passt das Feature zur Vision und Positionierung Ihres Produkts?

Dieser methodische Ansatz verwandelt eine lange Wunschliste in eine kurze, aber schlagkräftige Roadmap, die sicherstellt, dass Ihre Entwicklungsressourcen maximalen Wert schaffen.

Headline oder Button-Farbe: Was sollten Sie zuerst testen, um den grössten Hebel zu bewegen?

In einer Welt begrenzter Ressourcen stehen Produktteams ständig vor der Frage: Worauf sollen wir unsere Energie konzentrieren? Sollen wir kleine, inkrementelle Verbesserungen wie die Farbe eines Buttons A/B-testen oder unsere fundamentalen Annahmen über das Produkt infrage stellen? Die Antwort ist klar: Konzentrieren Sie sich auf die grössten Hebel. Co-Creation in der Frühphase ist das perfekte Werkzeug, um genau diese Hebel zu identifizieren.

Stellen Sie sich Ihr Produkt wie eine Zeitungsanzeige vor. Die Headline ist Ihr Wertversprechen – der eine Satz, der den Kunden dazu bringt, weiterzulesen. Die Button-Farbe ist ein Detail im Layout. Wenn die Headline niemanden anspricht, ist die Farbe des „Kaufen“-Buttons irrelevant. Frühe Co-Creation hilft Ihnen, die richtige Headline zu finden. Es geht darum, das Kernproblem und die grundlegende Motivation Ihrer Kunden zu verstehen, um ein Wertversprechen zu formulieren, das Resonanz erzeugt. A/B-Tests und Detailoptimierungen sind wertvoll, aber erst, nachdem das grundlegende Wertversprechen validiert ist.

Diese Fokussierung auf das Wesentliche ist besonders im deutschen Mittelstand entscheidend, dem Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Laut aktuellen Daten des IfM Bonn gibt es rund 3,44 Millionen KMU in Deutschland, die 99,2 % aller Unternehmen ausmachen. Für diese Unternehmen, die oft mit schlanken Budgets und hohem Wettbewerbsdruck agieren, ist die effiziente Allokation von Entwicklungsressourcen überlebenswichtig. Jeden Euro und jede Arbeitsstunde in ein unvalidiertes Wertversprechen zu investieren, ist ein Luxus, den sich die wenigsten leisten können.

Co-Creation hilft Ihnen dabei, Hypothesen über die „Headline“ Ihres Produkts zu testen, anstatt sich in der Optimierung von „Button-Farben“ zu verlieren. So stellen Sie sicher, dass Ihre Innovationskraft dort ansetzt, wo sie die grösste Wirkung entfaltet.

Warum „gut genug“ schneller verkauft als „perfekt“

Der Perfektionismus ist einer der grössten Feinde der Innovation. Viele Unternehmen, insbesondere im qualitätsbewussten deutschen Markt, neigen dazu, Produkte hinter verschlossenen Türen bis zur vermeintlichen Perfektion zu entwickeln. Doch in der heutigen schnelllebigen Welt ist dieser Ansatz oft ein Rezept für das Scheitern. Der Markt wartet nicht. Ein Produkt, das „gut genug“ ist und ein echtes Problem löst, wird ein „perfektes“ Produkt, das zu spät kommt, immer ausstechen. Co-Creation ist der Schlüssel, um diesen Paradigmenwechsel zu vollziehen.

Die Vordenker C.K. Prahalad und Venkat Ramaswamy definierten bereits im Jahr 2000 den Kern des Konzepts. In einer Veröffentlichung im Harvard Business Review, die bis heute zitiert wird, beschrieben sie Customer Co-Creation als einen aktiven, kreativen und sozialen Prozess, basierend auf der Zusammenarbeit zwischen Produzenten und Nutzern, der vom Unternehmen initiiert wird, um Wert für Kunden zu generieren. Dieser Prozess ermöglicht es, schnell zu lernen und iterativ zu verbessern, anstatt auf den einen, perfekten Wurf zu hoffen.

Ein herausragendes Beispiel für radikale Offenheit ist die Entwicklung des Fiat Mio. Anstatt das Elektroauto unter strengster Geheimhaltung zu entwickeln, kehrte Fiat den Prozess um und machte ihn vollständig transparent.

Fallstudie: Fiat Mio – Radikale Offenheit in der Automobilentwicklung

Für die Entwicklung des Elektroautos Fiat Mio ging der Automobilhersteller völlig neue Wege. Normalerweise wird ein neues Auto unter strengster Geheimhaltung entwickelt. Beim Mio war genau das Gegenteil der Fall. Fiat baute eine offene Online-Plattform, auf der Nutzer aus aller Welt ihre Ideen und Wünsche für ein urbanes Zukunftskonzept einbringen konnten. Mehr als 11.000 Vorschläge von Kunden aus 160 Ländern wurden so in allen Phasen der Produktentstehung berücksichtigt, vom Design bis zur Motorisierung. Das Ergebnis war nicht nur ein Auto, das eng an den Wünschen der Community ausgerichtet war, sondern auch eine enorme globale Marketingwirkung, noch bevor das erste Fahrzeug vom Band rollte.

Die Lehre aus solchen Beispielen ist klar: Der Markt ist das beste Labor. Anstatt im Geheimen ein perfektes Produkt zu bauen, das möglicherweise niemand braucht, ist es weitaus effektiver, eine „gut genug“-Version (ein Minimum Viable Product, MVP) gemeinsam mit echten Nutzern zu entwickeln und kontinuierlich zu verbessern. Dieser iterative Ansatz reduziert das Risiko, beschleunigt die Markteinführung und stellt sicher, dass Sie etwas bauen, das die Menschen tatsächlich wollen und nutzen.

Co-Creation liefert den ständigen Input, der notwendig ist, um aus einem guten Produkt schrittweise ein exzellentes zu machen – angetrieben von echtem Nutzerfeedback, nicht von internen Annahmen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Verlagern Sie den Fokus von der Ideengenerierung zur Validierung der Zahlungsbereitschaft.
  • Nutzen Sie Co-Creation, um fundamentale Wertversprechen (die „Headline“) zu testen, nicht kosmetische Details.
  • Ein „gut genug“ Produkt, das schnell auf dem Markt ist und iterativ verbessert wird, schlägt ein „perfektes“ Produkt, das zu spät kommt.

Wie verkürzen Sie Entwicklungszyklen im Maschinenbau von 2 Jahren auf 9 Monate?

Der deutsche Maschinenbau ist weltweit für seine Präzision, Qualität und Langlebigkeit bekannt. Doch diese Stärken gehen oft mit langen Entwicklungszyklen von zwei Jahren oder mehr einher. In einer Zeit, in der digitale Technologien und globaler Wettbewerb den Takt vorgeben, wird dieser traditionelle Ansatz zunehmend zur Achillesferse. Gleichzeitig zeigt das KfW-Mittelstandspanel 2024, dass 54 % aller KMU hohe Kosten und 53 % die gesamtwirtschaftliche Entwicklung als grösste Innovationshemmnisse sehen. Eine Verkürzung der Entwicklungszyklen ist daher nicht nur eine Frage der Geschwindigkeit, sondern der wirtschaftlichen Notwendigkeit.

Die Prinzipien der Co-Creation sind direkt auf den Maschinenbau übertragbar und bieten einen enormen Hebel. Anstatt einen fertigen Prototyp erst nach 18 Monaten zu präsentieren, können digitale Zwillinge, 3D-Modelle und Simulationen frühzeitig mit Schlüsselkunden geteilt werden. Diese können Feedback zur Ergonomie, Wartungsfreundlichkeit oder Prozessintegration geben, lange bevor teure Werkzeuge gefertigt werden. Dieser frühe, iterative Austausch von Feedback reduziert kostspielige Fehlentwicklungen und stellt sicher, dass das Endprodukt die realen Anforderungen des Kundenbetriebs erfüllt.

Die konsequente Nutzung von Kundenfeedback zur Validierung ist der Schlüssel zur Beschleunigung. Anstatt alle denkbaren Features in die erste Version zu packen, konzentriert man sich auf ein MVP (Minimum Viable Product), das das Kernproblem des Kunden löst, und testet dieses im Feld.

Fallstudie: Dalbello – Marktakzeptanz durch frühe Kundentests

Der Skistiefelhersteller Dalbello nutzte die ISPO Open Innovation Plattform, um die Marktakzeptanz einer neuen Skistiefel-Generation vor der breiten Markteinführung zu testen. Anstatt sich ausschliesslich auf interne Tests und Expertenmeinungen zu verlassen, stellte das Unternehmen die neuen Stiefel einer ausgewählten Gruppe von Konsumenten zur Verfügung. Durch das direkte Feedback, die Ideen und Anmerkungen dieser Zielgruppe gewann Dalbello wertvolle Einblicke in die Stärken und Schwächen des Produkts unter realen Bedingungen. Dieser Prozess ermöglichte es, letzte Anpassungen vorzunehmen und das Risiko einer teuren, aber vom Markt nicht angenommenen Produkteinführung signifikant zu senken.

Dieser Ansatz verwandelt den Entwicklungsprozess von einem linearen Wasserfallmodell in einen agilen, zyklischen Prozess. Indem man Annahmen frühzeitig mit dem Markt abgleicht, die richtigen Kunden zur richtigen Zeit einbindet und den Mut hat, mit „gut genug“ zu starten, lassen sich Entwicklungszyklen auch in traditionellen Branchen drastisch verkürzen. Die Reduktion von 24 auf 9 Monate ist keine Utopie, sondern das Ergebnis eines konsequenten Umdenkens: weg von der Perfektion im stillen Kämmerlein, hin zur iterativen Wertschöpfung gemeinsam mit dem Kunden.

Die Implementierung agiler Co-Creation-Methoden ist der entscheidende Hebel, um die Innovationsgeschwindigkeit im Maschinenbau zu erhöhen.

Um diese Strategien erfolgreich in Ihrem Unternehmen zu verankern, beginnen Sie mit einem Pilotprojekt. Wählen Sie ein überschaubares Vorhaben und wenden Sie die hier beschriebenen Prinzipien konsequent an, um die Wirksamkeit zu demonstrieren und eine neue, schnellere Innovationskultur zu etablieren.

Geschrieben von Julia Ackermann, Senior B2B-Marketingstrategin für den deutschen Mittelstand mit über 12 Jahren Erfahrung in der Positionierung von Hidden Champions. Spezialisiert auf Lead-Generierung, Content-Marketing in technischen Nischen und die Transformation traditioneller Marken.