Veröffentlicht am März 15, 2024

Der Schlüssel zur Halbierung Ihrer Time-to-Market ist keine neue Software, sondern die gezielte Demontage interner Machtarchitekturen, die von Verzögerung leben.

  • Bürokratische Hürden sind keine Nebenerscheinung, sondern ein Instrument der Kontrolle, das bewusst eingesetzt wird.
  • Informationssilos sind Macht-Fürstentümer, die nicht vernetzt, sondern aufgelöst werden müssen.

Empfehlung: Verlagern Sie den Fokus von reiner Prozessoptimierung hin zu einer radikalen Strategie der dezentralen Entscheidungsgewalt und erzwungenen Transparenz.

Als Change-Manager in einem deutschen Grossunternehmen kennen Sie das frustrierende Schauspiel: Eine brillante, marktreife Idee entsteht, nur um im Labyrinth endloser Genehmigungsschleifen, Abteilungsgrenzen und ungeschriebener Gesetze zu verenden. Die Time-to-Market verlängert sich ins Unermessliche, während agilere Wettbewerber längst Fakten schaffen. Der Reflex ist oft, nach neuen Kollaborationstools, weiteren agilen Frameworks oder Kultur-Workshops zu rufen. Man versucht, die Symptome zu kurieren, indem man die Kommunikation „verbessert“ oder noch ein Meeting ansetzt.

Doch diese Ansätze greifen zu kurz, denn sie ignorieren die wahre Ursache der Trägheit. Das Problem ist nicht ein Mangel an Prozessen, sondern eine überholte Machtarchitektur. Verkrustete Strukturen sind kein Zufall; sie sind das Ergebnis von Informations-Fürstentümern, Entscheidungshoheiten und einer „Lehmschicht“ im mittleren Management, deren Status auf Kontrolle und nicht auf Befähigung beruht. Die wahre Blockade ist die Macht, die in der Verzögerung liegt.

Dieser Artikel bricht mit den üblichen Ratschlägen. Anstatt Ihnen zu zeigen, wie Sie die Gitterstäbe Ihres Käfigs polieren, geben wir Ihnen den Bauplan, um ihn von innen heraus aufzusprengen. Wir verfolgen einen revolutionären, aber strukturierten Ansatz: die gezielte Entmachtung von Bremsern durch radikale Transparenz und die konsequente Verlagerung von Verantwortung dorthin, wo die Wertschöpfung stattfindet. Von der Zusammenführung von F&E und Vertrieb über den Umgang mit dem Betriebsrat bis zur Neutralisierung von Widerständen im Management – dieser Leitfaden ist Ihre Strategie, um Geschwindigkeit nicht nur zu ermöglichen, sondern strukturell zu erzwingen.

Der folgende Plan führt Sie durch die entscheidenden Hebel, um die alten Machtstrukturen aufzubrechen und Ihr Unternehmen für die Geschwindigkeit des 21. Jahrhunderts zu rüsten. Jeder Abschnitt ist ein gezielter Schlag gegen die Trägheit und ein Schritt hin zu einer Organisation, die liefert statt nur zu verwalten.

Wie bringen Sie F&E und Vertrieb an einen Tisch, bevor das Produkt fertig ist?

Das klassische Konzern-Drama: Die Forschung & Entwicklung (F&E) entwickelt im Elfenbeinturm ein Produkt, das der Vertrieb Monate später mit der Realität des Marktes konfrontiert – und scheitert. Dieses sequentielle Vorgehen ist ein Garant für eine lange Time-to-Market und Produkte, die am Kunden vorbeigehen. Die Lösung liegt nicht in besseren Übergabe-Dokumenten, sondern in der strukturellen Verschmelzung der beiden Welten von Anfang an. Es geht darum, eine gemeinsame Sprache und vor allem gemeinsame Ziele zu schaffen.

Der Kern des Problems ist, dass F&E an technischen Meilensteinen und der Vertrieb an Umsatzzielen gemessen wird. Um dieses Silo aufzubrechen, müssen Sie gemeinsame, ergebnisorientierte Kennzahlen (OKRs) etablieren, die beide Abteilungen verbinden. Ein Ziel könnte lauten: „Erreiche eine Lead-to-Customer-Conversion-Rate von 10% mit dem neuen Produkt X im ersten Quartal nach Launch.“ Plötzlich haben beide Seiten ein geteiltes Interesse am Erfolg. Wöchentliche, cross-funktionale Meetings mit rotierender Moderation stellen sicher, dass Marktfeedback direkt in die Entwicklung fliesst und technische Machbarkeit sofort mit dem Vertrieb geklärt wird.

Fallbeispiel: Sipgates radikale Transformation

Der Düsseldorfer Telekommunikationsanbieter Sipgate hat bereits 2010 vorgemacht, wie man Silos konsequent aufbricht. Ein zentraler Erfolgsfaktor war, die starren Abteilungsgrenzen aufzulösen und die volle Entscheidungsverantwortung an die Teams zu übergeben. Die Mitarbeiter entschieden selbst über die Zusammensetzung der neuen, cross-funktionalen Teams. Wie eine Analyse ihrer Transformation zeigt, wurde dieser Moment der Machtübertragung vom Management an die Mitarbeiter als entscheidender Wendepunkt für den Erfolg des Unternehmens angesehen.

Beginnen Sie mit einem Pilotprojekt, bei dem ein gemischtes Team aus F&E- und Vertriebsmitarbeitern von der ersten Idee bis zum Markteintritt zusammenarbeitet. Dies schafft nicht nur einen Erfolgsbeweis, sondern auch die Blaupause für die Skalierung im gesamten Unternehmen. Die frühe Integration ist kein „Nice-to-have“, sondern die ökonomische Notwendigkeit, um teure Fehlentwicklungen zu vermeiden.

Warum 5 Unterschriften für eine 1.000 € Investition Ihr Unternehmen lähmen

Ein Team benötigt eine Softwarelizenz für 1.000 €. Der Prozess: Antrag ausfüllen, an den direkten Vorgesetzten senden, der an den Abteilungsleiter, der an das Controlling, das zur Budgetfreigabe an den Bereichsleiter, der final unterschreibt. Dauer: drei Wochen. Dieser alltägliche Wahnsinn, dieser Entscheidungs-Stau, ist das deutlichste Symptom einer verkrusteten Konzernstruktur. Es geht hier nicht um Risikomanagement, sondern um die Zurschaustellung von Macht und die zementierte Angst vor Verantwortung.

Diese bürokratischen Hürden verursachen immense versteckte Kosten: verlorene Produktivität, demotivierte Mitarbeiter und vor allem eine dramatisch verlangsamte Reaktionsfähigkeit. Jede Unterschrift ist ein potenzielles Veto, eine Verzögerung, ein Mikromanagement-Impuls. Die Organisation optimiert sich auf die Vermeidung von Fehlern, nicht auf die Erzielung von Ergebnissen. Agile Organisationen kehren dieses Prinzip um: Sie geben den Teams, die am nächsten am Problem sind, die Autonomie und das Budget, um Entscheidungen schnell zu treffen.

Dieses Vorgehen setzt Vertrauen voraus, zahlt sich aber massiv aus. Laut einer McKinsey-Studie erfahren agile Organisationen eine Verbesserung des Mitarbeiterengagements um 20-30 Punkte. Warum? Weil Autonomie ein zentraler Motivator ist. Mitarbeiter, die handeln können, fühlen sich wertgeschätzt und übernehmen echte Verantwortung.

Visualisierung der versteckten Kosten von Bürokratie in deutschen Unternehmen

Die Transformation erfordert hier einen radikalen Schnitt: Definieren Sie klare, aber grosszügige Budgetgrenzen, über die Teams eigenständig verfügen können. Eine einzelne Unterschrift des Product Owners oder Team-Leads muss ausreichen. Die Kontrolle verlagert sich von der präventiven Genehmigung hin zur retrospektiven Überprüfung der Ergebnisse. Der Fokus liegt auf dem „Was“ erreicht wurde, nicht auf dem „Wie“ jeder Euro ausgegeben wurde.

Die folgende Tabelle, basierend auf Analysen agiler Transformationsprozesse, verdeutlicht den dramatischen Unterschied.

Hierarchische vs. Agile Entscheidungswege
Kriterium Hierarchische Organisation Agile Organisation
Entscheidungszeit Mehrere Wochen 1-2 Tage
Anzahl Genehmiger 5-7 Personen 1-2 Personen
Budgetgrenze Team 0-500€ 2000-5000€
Verantwortung Zentralisiert Dezentralisiert

Wie gehen Sie mit „Fürstentümern“ um, die Informationen als Machtinstrument missbrauchen?

In vielen Konzernen ist Information keine Ressource, sondern eine Währung der Macht. Abteilungen oder einzelne Manager horten Wissen, filtern Daten und schaffen so strategische Abhängigkeiten. Diese Informations-Fürstentümer sind die grössten Feinde der Agilität und schnellen Entscheidungsfindung. Sie agieren nach dem Motto: „Wissen ist Macht, und Macht teile ich nicht.“ Solange diese Silos existieren, ist jede Initiative zur cross-funktionalen Zusammenarbeit zum Scheitern verurteilt.

Der Angriff auf diese Fürstentümer muss systematisch und unnachgiebig sein, angetrieben von einem einzigen Prinzip: radikale Transparenz. Es reicht nicht, zum „Teilen“ aufzufordern. Sie müssen Systeme implementieren, die das Horten von Informationen unmöglich machen. Führen Sie ein unternehmensweites, für alle zugängliches Wiki oder Knowledge-Management-System ein, in dem Projektdokumentationen, Meeting-Protokolle und strategische Entscheidungen standardmässig öffentlich sind. Der Grundsatz lautet: „public by default“.

Ein weiterer, noch radikalerer Schritt ist das „Open Book Management“. Hier werden alle relevanten Unternehmenszahlen – von Umsätzen über Kosten bis hin zu Margen – für alle Mitarbeiter transparent gemacht. Dies zerstört die Grundlage für Gerüchte und politische Spielchen, da Entscheidungen auf einer gemeinsamen Faktenbasis getroffen werden müssen. Wie Andrea Hörnschemeyer in einer von Lurse veröffentlichten Analyse treffend feststellt:

Ohne Transparenz der relevanten Informationen können selbstorganisiert keine belastbaren Entscheidungen getroffen werden.

– Andrea Hörnschemeyer, Senior Consultant bei Lurse

Natürlich wird es Widerstand geben. Das Argument wird immer „Datenschutz“ oder „Sensibilität“ sein. Hier muss das Top-Management eine klare Linie vorgeben: Das Recht des Unternehmens auf schnelle, datenbasierte Entscheidungen wiegt schwerer als das Bedürfnis einzelner Bereiche, ihre Informationen abzuschotten. Ergänzen Sie dies durch die regelmässige Rotation von Mitarbeitern zwischen Abteilungen, um Wissensmonopole aufzubrechen und Empathie für andere Bereiche zu schaffen.

Squads und Tribes: Wie adaptieren Sie das Spotify-Modell für einen deutschen Konzern?

Das „Spotify-Modell“ mit seinen Squads, Tribes, Chaptern und Guilds ist zum Mythos der agilen Welt geworden. Die Idee, kleine, autonome, cross-funktionale Teams (Squads) zu bilden, die wie Mini-Startups agieren, ist verlockend. Doch das blosse Kopieren dieser Struktur ist in einem traditionellen deutschen Konzern oft ein Rezept für Chaos. Die Herausforderung liegt in der intelligenten Adaption, nicht in der blinden Imitation.

Das Modell zielt darauf ab, zwei Dinge gleichzeitig zu lösen: die effektive, fokussierte Produktentwicklung in gemischten Teams und den fachlichen Austausch innerhalb einer Disziplin (z. B. alle Java-Entwickler in einem „Chapter“). Unternehmen wie die ING Bank haben das Modell erfolgreich für sich adaptiert, um genau diese Balance zu finden. Der Schlüssel liegt darin, die Autonomie der Squads ernst zu nehmen und ihnen echte „End-to-End“-Verantwortung für ein Produkt oder einen Service zu geben. Sie sind nicht nur für die Entwicklung, sondern auch für den Betrieb und die Ergebnisse verantwortlich.

Visualisierung der Anpassung des Spotify-Modells in deutschen Konzernen

In Deutschland ist die Hürde oft kultureller Natur. Die tief verankerte Hierarchie und die Fachexperten-Kultur stehen im Konflikt mit der Generalisten-Anforderung in einem Squad. Eine erfolgreiche Adaption beginnt daher oft in Bereichen, die bereits eine hohe Affinität zur Agilität haben. Eine Lurse-Studie zeigt, dass in deutschen Unternehmen bereits 76% der IT-Abteilungen agil arbeiten. Dies ist der ideale Nährboden für ein Pilotprojekt. Beginnen Sie dort mit der Bildung von Squads und beweisen Sie den Erfolg, bevor Sie das Modell auf konservativere Bereiche wie das Finanz- oder Personalwesen ausrollen.

Wichtig ist auch, die Rolle der Führungskräfte neu zu definieren. Der klassische Abteilungsleiter wird zum „Chapter Lead“, dessen Hauptaufgabe nicht mehr die Zuweisung von Aufgaben, sondern das Coaching und die fachliche Weiterentwicklung seiner Mitarbeiter ist. Er ist ein „Servant Leader“, der Hindernisse für die Squads aus dem Weg räumt, anstatt neue zu errichten.

Wie gewinnen Sie den Betriebsrat für strukturelle Umbauten?

In Deutschland führt kein Weg der Transformation am Betriebsrat vorbei. Viele Change-Manager sehen ihn als Bremser oder gar als Gegner agiler Strukturen, die auf flexible Rollen, dezentrale Entscheidungen und iterative Prozesse setzen. Dies ist ein strategischer Fehler. Der Betriebsrat ist nicht das Problem; er kann und muss zu Ihrem wichtigsten Verbündeten werden. Sein Mandat ist die Wahrung der Mitarbeiterinteressen – und eine erfolgreiche, nachhaltige Transformation liegt genau in diesem Interesse.

Der Schlüssel zur Kooperation ist eine proaktive, transparente und partnerschaftliche Einbindung von der ersten Sekunde an. Präsentieren Sie dem Betriebsrat keine fertigen Pläne, sondern entwickeln Sie die Vision gemeinsam. Fokussieren Sie auf die gemeinsamen Ziele: Arbeitsplatzsicherung durch Wettbewerbsfähigkeit, Reduzierung von Überlastung durch ineffiziente Prozesse und Steigerung der Mitarbeiterzufriedenheit durch mehr Autonomie. Zeigen Sie auf, dass Agilität kein Instrument zur Leistungsverdichtung ist, sondern ein Weg, um sinnstiftender und effektiver zu arbeiten.

Erstellen Sie eine gemeinsame Betriebsvereinbarung zur agilen Transformation. Diese schafft einen verlässlichen Rahmen und nimmt dem Betriebsrat die Sorge vor einem „Wildwuchs“. Definieren Sie klare Regeln für Kernthemen wie flexible Arbeitszeiten, Arbeitsbelastungsmessung in agilen Teams und die Rolle von Führungskräften. Starten Sie Pilotprojekte unter enger Beteiligung eines Betriebsratsmitglieds, um Vertrauen aufzubauen und zu zeigen, dass die Prinzipien in der Praxis funktionieren.

Ihr 5-Punkte-Plan: Den Betriebsrat zum Verbündeten machen

  1. Gemeinsame Betriebsvereinbarung: Erstellen Sie eine detaillierte Vereinbarung zur agilen Transformation, die als Leitplanke für alle Veränderungen dient.
  2. Klare Spielregeln definieren: Legen Sie verbindliche Regeln für Arbeitsbelastung, flexible Arbeitszeiten und die Leistungsbewertung in agilen Teams fest.
  3. Regelmässiges Feedback etablieren: Richten Sie feste, regelmässige Feedback- und Abstimmungsrunden mit dem Betriebsrat ein, um Transparenz zu schaffen und schnell auf Bedenken reagieren zu können.
  4. Pilotprojekte mit Beteiligung: Schaffen Sie Leuchtturm-Projekte, bei denen Betriebsratsmitglieder von Anfang an eingebunden sind, um den Prozess mitzugestalten und Erfolge aus erster Hand zu erleben.
  5. Erfolge transparent dokumentieren: Messen und dokumentieren Sie die positiven Auswirkungen der agilen Arbeit (z. B. geringere Fluktuation, höhere Zufriedenheit) und teilen Sie diese Daten proaktiv mit dem Betriebsrat.

Während laut der BearingPoint-Studie ‚Agile Pulse 2023‘ bereits 31% der Unternehmen die agile Transformation abgeschlossen haben, hängt der nachhaltige Erfolg in Deutschland massgeblich von der konstruktiven Zusammenarbeit mit der Arbeitnehmervertretung ab. Ein gewonnener Betriebsrat ist kein bezwungener Gegner, sondern ein Multiplikator, der die Transformation in die Belegschaft trägt.

Wie gestalten Sie ein Smarketing-Meeting, das nicht in Schuldzuweisungen endet?

Smarketing (Sales + Marketing) Meetings sind oft ein Minenfeld. Marketing wirft dem Vertrieb vor, die generierten Leads nicht nachzufassen. Der Vertrieb beschwert sich über die schlechte Qualität der Leads. Das Ergebnis: Schuldzuweisungen, Frustration und null Fortschritt. Ein solches Meeting ist eine reine Zeitverschwendung. Um aus diesem Teufelskreis auszubrechen, braucht es eine radikale Änderung des Fokus – weg von der Vergangenheit, hin zur Zukunft und zu konkreten Lösungen.

Der erste Schritt ist die Etablierung einer neutralen Moderation. Das Meeting darf nicht vom Vertriebs- oder Marketingleiter geführt werden, da diese zwangsläufig befangen sind. Ein agiler Coach oder ein neutraler Moderator aus einer anderen Abteilung stellt sicher, dass das Gespräch konstruktiv bleibt. Zweitens muss das Meeting mit einer gemeinsamen Datengrundlage beginnen, auf die sich alle geeinigt haben: Wie viele Leads wurden generiert, wie viele kontaktiert, wie ist die Conversion-Rate? Diese Zahlen werden nicht diskutiert, sie sind der Ausgangspunkt.

Der wichtigste Hebel ist jedoch die Einführung der „Prime Directive“, einem Grundsatz aus agilen Retrospektiven. Der Moderator stellt diese Regel zu Beginn jedes Meetings klar:

Unabhängig davon, was wir entdecken, verstehen und glauben wir fest daran, dass jeder nach bestem Wissen und Gewissen und mit den ihm zur Verfügung stehenden Informationen, Fähigkeiten und Ressourcen gehandelt hat.

– Prime Directive, Grundsatz agiler Retrospektiven

Dieser Satz verändert alles. Er entzieht den Schuldzuweisungen den Boden und schafft psychologische Sicherheit. Statt „Warum hast du…?“ lautet die Frage nun „Wie können wir sicherstellen, dass…?“. Der Fokus des Meetings verlagert sich auf die Identifizierung von Hindernissen im Prozess und die gemeinsame Entwicklung von Experimenten zur Verbesserung. Das Ergebnis des Meetings ist kein Statusbericht, sondern eine Liste konkreter Aktionen für die nächste Woche.

Traditionelle vs. Agile Meeting-Struktur
Aspekt Traditionelles Meeting Agiles Smarketing-Meeting
Fokus Vergangenheit/Probleme Zukunft/Lösungen
Dauer 60-90 Minuten 15-30 Minuten
Frequenz Monatlich Wöchentlich/Täglich
Moderation Abteilungsleiter Neutraler Moderator
Ergebnis Statusbericht Konkrete Aktionen

Wie drehen Sie informelle Anführer im Flurfunk zu Verbündeten um?

In jeder Organisation gibt es neben der formalen Hierarchie eine zweite, oft mächtigere Struktur: das Netzwerk der informellen Anführer. Das sind die Kollegen, deren Meinung im Flurfunk Gewicht hat, die als Erste über neue Entwicklungen Bescheid wissen und deren Nicken oder Kopfschütteln die Stimmung ganzer Teams beeinflussen kann. Im Change-Prozess sind sie entweder Ihre stärksten Verbündeten oder Ihre unerbittlichsten Gegner. Sie zu ignorieren, ist ein fataler Fehler.

Ihre Aufgabe als Transformations-Architekt ist es, diese Meinungsführer proaktiv zu identifizieren und für den Wandel zu gewinnen. Eine organisatorische Netzwerkanalyse (ONA) kann dabei helfen, diese zentralen Knotenpunkte im Kommunikationsgeflecht sichtbar zu machen. Doch oft reicht es schon, genau hinzuhören und zu beobachten: Wer wird bei Problemen um Rat gefragt? Wessen Tisch ist in der Kaffeeküche immer umringt?

Fallbeispiel: Zalandos Lerneffekt

Selbst Vorreiter wie Zalando mussten bei ihrer agilen Transformation lernen, dass maximale Selbstverantwortung in den Teams allein nicht ausreicht, um mit dem schnellen Wachstum Schritt zu halten. Die Lösung lag darin, diese informellen Führungskräfte gezielt zu identifizieren und sie aktiv als Mentoren und Multiplikatoren in den Transformationsprozess einzubinden. Sie wurden zum entscheidenden Bindeglied zwischen der strategischen Vision und der Umsetzung in den Teams.

Sobald Sie diese Personen identifiziert haben, geben Sie ihnen eine offizielle, sichtbare Rolle im Wandel. Schaffen Sie eine exklusive „Early Adopter“-Gruppe oder „Innovation Champions“ mit Sonderinformationen, Mitspracherecht und vielleicht sogar einem kleinen eigenen Budget für Experimente. Dies stillt nicht nur deren Bedürfnis nach Einfluss und Anerkennung, sondern macht sie auch zu Botschaftern Ihrer Sache. Sie übersetzen die oft abstrakten Ziele der Transformation in die Sprache der Kollegen und entkräften Gerüchte, bevor sie sich im Flurfunk festsetzen können. Indem Sie ihnen eine offizielle Bühne geben, kanalisieren Sie ihre Energie und wandeln potenziellen Widerstand in treibende Kraft um.

Das Wichtigste in Kürze

  • Geschwindigkeit ist das Ergebnis dezentralisierter Macht, nicht nur neuer Prozesse.
  • Das mittlere Management, die „Lehmschicht“, ist das entscheidende Schlachtfeld jeder echten Transformation.
  • Radikale Transparenz ist Ihre wirksamste Waffe gegen die Machtspiele der Informations-Fürstentümer.

Wie überwinden Sie den Widerstand der „Lehmschicht“ im mittleren Management?

Der vielleicht härteste und zugleich wichtigste Kampf bei der Auflösung verkrusteter Strukturen wird in der Mitte der Organisation ausgetragen – in der sogenannten „Lehmschicht“. Dieses mittlere Management ist oft der grösste Bremser der agilen Transformation. Der Grund ist einfach: Agilität und dezentrale Verantwortung untergraben ihre traditionelle Machtbasis, die auf Informationskontrolle, Budgethoheit und Weisungsbefugnis beruht. Ihr Widerstand ist kein böser Wille, sondern ein Akt der Selbsterhaltung.

Obwohl agile Methoden wie SCRUM (94%) und Kanban (89%) in deutschen Unternehmen weit verbreitet sind, scheitert ihre Skalierung oft an dieser Ebene. Sie können nicht erwarten, dass diese Manager freiwillig ihre eigene Entmachtung beklatschen. Daher muss die Botschaft von ganz oben unmissverständlich sein. Ein klares Bekenntnis des Top-Managements ist die absolute Grundvoraussetzung.

Wir wollen diesen Weg gehen – das klare Commitment seitens des Top-Managements ist eine Voraussetzung für die agile Transformation.

– Kraus & Partner, Agile Transformation Beratung

Gleichzeitig müssen Sie dem mittleren Management eine neue, attraktive Rolle anbieten. Ihre Zukunft liegt nicht mehr darin, ein Kontrolleur zu sein, sondern ein Befähiger (Enabler) und Coach. Ihre Aufgabe ist es, Hindernisse für ihre Teams aus dem Weg zu räumen, die Mitarbeiter zu entwickeln und die strategische Vision zu vermitteln. Investieren Sie massiv in Coaching- und Führungskräftetrainings, die genau diese neuen Kompetenzen vermitteln. Messen und belohnen Sie diese Manager nicht mehr für die Einhaltung von Budgets, sondern für den Erfolg und die Weiterentwicklung ihrer Teams.

Seien Sie aber auch konsequent. Diejenigen, die sich aktiv dem Wandel verweigern und die neue Rolle nicht annehmen wollen, müssen die Organisation verlassen. Ein einziger Manager, der an alten Machtstrukturen festhält, kann die Transformation ganzer Bereiche sabotieren. Die Überwindung der Lehmschicht erfordert eine Mischung aus einem attraktiven Zukunftsbild, intensiver Befähigung und klarer Konsequenz.

Hören Sie auf, Symptome zu behandeln. Beginnen Sie noch heute damit, die Machtarchitektur Ihres Unternehmens zu analysieren und den ersten Dominostein für eine echte, nachhaltige Transformation umzustossen. Der Weg ist nicht einfach, aber die Alternative – die fortschreitende Lähmung – ist keine Option.

Geschrieben von Katja Hofmann, Organisationsentwicklerin und HR-Expertin für New Work und digitale Führung. 14 Jahre Praxis in Personalmanagement, Change-Management und arbeitsrechtlicher Gestaltung von mobiler Arbeit.