Veröffentlicht am Mai 20, 2024

Entgegen der landläufigen Meinung liegt das Scheitern von OKRs nicht an schlechten Zielen, sondern daran, dass sie als zusätzliches Kontrollinstrument auf bestehende Prozesse aufgesetzt werden.

  • Der Schlüssel zum Erfolg ist radikales Ersetzen: OKRs müssen alte Reporting-Strukturen und Meetings ablösen, nicht ergänzen.
  • Fokus entsteht nicht durch das Zählen von Key Results, sondern durch die konsequente Ausrichtung aller Aktivitäten auf wenige, wirkungsvolle Ergebnisse (Outcomes).

Empfehlung: Behandeln Sie OKRs nicht als Projekt, sondern implementieren Sie sie als das neue, schlanke Betriebssystem Ihrer Organisation für die Strategieumsetzung.

Die Einführung von Objectives and Key Results (OKRs) verspricht Agilität, Fokus und eine transparente Verbindung zwischen der Unternehmensstrategie und dem Tagesgeschäft. Doch die Realität in vielen deutschen Unternehmen zeichnet ein anderes Bild: Statt dynamischer Steuerung entsteht ein bürokratisches Monster. Teams ächzen unter zusätzlichem Reporting-Aufwand, Ziele werden als weitere To-do-Liste missverstanden und die ursprüngliche Energie verpufft nach wenigen Wochen. Die Methodik, die einst Google zu rasantem Wachstum verhalf, wird zur lästigen Pflichtübung.

Die üblichen Ratschläge – „Fokus auf Outcomes“, „weniger ist mehr“ – sind zwar richtig, greifen aber zu kurz. Sie behandeln Symptome, nicht die Ursache. Das Problem ist oft tief in der Unternehmenskultur verwurzelt: Ein Kontroll- und Planungsdenken, das versucht, ein agiles Framework in starre, bestehende Strukturen zu pressen. Laut einer Studie des Harvard Business Review haben 67% aller Unternehmen grundlegende Schwierigkeiten bei der Strategieumsetzung, und eine schlecht implementierte OKR-Methode verschärft dieses Problem nur.

Doch was, wenn die wahre Lösung nicht darin besteht, die OKR-Regeln noch genauer zu befolgen, sondern darin, die Organisation um die OKRs herum radikal zu vereinfachen? Dieser Artikel vertritt eine klare These: OKRs entfalten ihre volle Kraft nur, wenn sie als schlankes Betriebssystem für die Strategieumsetzung verstanden werden, das alte, ineffiziente Prozesse aktiv kannibalisiert, anstatt sich ihnen unterzuordnen. Es geht nicht darum, OKRs „On Top“ zu machen, sondern sie zum Kern der wertschöpfenden Arbeit zu erheben.

Wir werden untersuchen, wie Sie inspirierende Ziele formulieren, den Fokus wahren und die Energie im Team hochhalten. Dabei beleuchten wir, wie Sie die typischen Fallstricke vermeiden und ein Umfeld schaffen, in dem ambitionierte Ziele als Chance und nicht als Bedrohung gesehen werden. So verwandeln Sie das potenzielle Bürokratiemonster zurück in das, was es sein sollte: ein kraftvoller Motor für strategischen Fortschritt.

Qualitativ und inspirierend: Wie schreiben Sie Ziele, die jeder Mitarbeiter versteht?

Ein häufiger Grund für das Scheitern von OKRs ist, dass die Objectives (Ziele) entweder zu vage oder zu technisch formuliert sind. Ein gutes Objective ist kein Projektplan, sondern ein inspirierendes Motto für das kommende Quartal. Es beantwortet die Frage: „Wo wollen wir hin und warum ist das wichtig?“ Es sollte kurz, prägnant und motivierend sein, sodass jeder Mitarbeiter, vom Entwickler bis zum Vertriebler, sofort versteht, welchen Beitrag er leisten kann. Verzichten Sie bewusst auf Fachjargon, Abkürzungen und englische Buzzwords, die nur ein kleiner Kreis versteht. Ein gutes Objective stiftet Identität und gibt eine klare Richtung vor.

Die Herausforderung besteht darin, von reinen Kennzahlen wegzukommen und eine qualitative Vision zu formulieren. Statt „Steigerung des Marktanteils um 5 %“ könnte ein inspirierendes Objective lauten: „Wir werden zur meistempfohlenen Marke in unserer Branche.“ Dieser Satz erzeugt Bilder im Kopf und mobilisiert Energie, während die reine Zahl oft abstrakt bleibt. Die Messbarkeit wird erst durch die nachgelagerten Key Results sichergestellt.

Ein hervorragendes Praxisbeispiel aus dem deutschen Maschinenbau ist die Sartorius AG. Das Medizintechnik-Unternehmen hat OKRs erfolgreich eingeführt, um die Konzernstrategie für jeden Mitarbeiter greifbar zu machen. Thorsten Peuker, Head of Operations, erklärte die Motivation so: „Unsere Herausforderung lag darin, eine Methodik zu finden, mit der es uns gelingt, die Gesamtkonzernstrategie auf jeden Mitarbeiter und die einzelnen Produktionsschritte herunterzubrechen.“ Dies zeigt, dass inspirierende und verständliche Ziele kein Privileg von Start-ups sind, sondern ein entscheidender Erfolgsfaktor in etablierten deutschen Industrien.

Weniger ist mehr: Warum 3 Key Results besser fokussieren als 10

Die grösste Gefahr bei der Definition von Key Results (KRs) ist, sie mit einer To-do-Liste zu verwechseln. Key Results sind keine Aufgaben (Outputs), sondern messbare Ergebnisse (Outcomes), die den Fortschritt in Richtung des Objectives anzeigen. Hier gilt das Prinzip der radikalen Fokussierung. Ein Set aus zwei bis maximal vier KRs pro Objective zwingt das Team, die wirklich wirksamsten Hebel zu identifizieren. Ein Team, das zehn KRs definiert, hat in Wahrheit keine Prioritäten gesetzt, sondern lediglich seine gesamte Aufgabenliste in ein neues Format gegossen.

Dieser Unterschied zwischen Outputs und Outcomes ist fundamental für eine gesunde Fokus-Hygiene. Ein Output ist eine Handlung, die Sie kontrollieren („10 Kundengespräche führen“), während ein Outcome die daraus resultierende Wirkung ist, die Sie nur beeinflussen können („Kundenzufriedenheit auf 85 % steigern“). OKRs sollen Teams dazu bringen, über die Wirkung ihrer Arbeit nachzudenken, anstatt nur Aufgaben abzuhaken. Diese Denkweise ist der Kern, um Bürokratie zu vermeiden und echten Mehrwert zu schaffen.

Abstrakte Darstellung von Fokussierung durch drei klare Zielscheiben, die Priorisierung in der OKR-Methode symbolisieren.

Wie die obige Darstellung andeutet, führt die Konzentration auf wenige, klare Ziele zu mehr Treffsicherheit. Die Fokussierung auf wenige, aber wirkungsvolle Key Results stellt sicher, dass die Energie des Teams nicht zerstreut wird. Es geht darum, die eine oder die zwei Metriken zu finden, die, wenn sie sich bewegen, den grössten Fortschritt in Richtung des qualitativen Objectives signalisieren. Die folgende Gegenüberstellung verdeutlicht den Unterschied:

Gegenüberstellung von Outputs (Aufgaben) und Outcomes (Ergebnissen)
Outputs (Aufgaben) Outcomes (Ergebnisse)
LinkedIn-Post schreiben 20% mehr Reichweite erreichen
10 Kundengespräche führen Kundenzufriedenheit auf 85% steigern
Software-Update entwickeln Ladezeit um 30% reduzieren

Wie verhindern Sie, dass OKRs „On Top“ zur normalen Arbeit kommen?

Dies ist der kritischste Punkt, an dem OKR-Implementierungen zu einem Bürokratiemonster werden. Wenn OKRs als zusätzlicher Report, weiteres Meeting oder eine neue Controlling-Ebene wahrgenommen werden, ist ihr Scheitern vorprogrammiert. Der einzig nachhaltige Weg ist der Prozess-Kannibalismus: Für jeden neuen OKR-Prozess muss ein alter, redundanter Prozess abgeschafft werden. Das wöchentliche OKR-Check-in ersetzt das alte Team-Update-Meeting. Das OKR-Review am Quartalsende macht den umständlichen Projektstatusbericht überflüssig. OKRs sind nicht „on top“, sie sind das neue, schlanke Gerüst der Arbeit.

Führungskräfte spielen hier eine entscheidende Rolle als „Filter“. Ihre Aufgabe ist es, das Team vor Aufgaben zu schützen, die nicht auf die vereinbarten Key Results einzahlen. Die Frage „Wie hilft uns das, unser Key Result zu erreichen?“ muss zum ständigen Begleiter werden. Dies erfordert Mut, auch Anfragen von anderen Abteilungen oder sogar vom höheren Management kritisch zu hinterfragen und abzulehnen. Nur so wird aus der OKR-Theorie eine gelebte Praxis des Fokus.

Im deutschen Kontext ist zudem die frühzeitige Einbindung des Betriebsrats entscheidend, um Akzeptanz zu schaffen und Ängste vor reiner Leistungsüberwachung abzubauen. Wie die Technologieberatungsstelle beim DGB NRW betont, ist die Einführung mitbestimmungspflichtig und bietet die Chance, Unternehmensziele und Mitarbeiterinteressen in Einklang zu bringen. Eine offene Kommunikation ist hierbei unerlässlich.

Eine offene Kommunikation und frühzeitige Einbindung des Betriebsrats schaffen die Grundlage für eine erfolgreiche Umsetzung, bei der die Unternehmensziele im Einklang mit den Interessen der Beschäftigten stehen. […] Die unternehmensweite Einführung der OKR-Methode ist mitbestimmungspflichtig.

– TBS NRW, Technologieberatungsstelle beim DGB NRW

Um OKRs nahtlos in den Arbeitsalltag zu integrieren und den Eindruck von Mehrarbeit zu vermeiden, bedarf es konkreter Schritte. Die folgende Checkliste bietet einen praktischen Rahmen dafür.

Ihr Aktionsplan: OKRs in bestehende Arbeitsabläufe integrieren

  1. Etablieren Sie das OKR-Weekly als festen, kurzen 15-Minuten-Termin anstelle von zusätzlichen, langen Meetings.
  2. Ersetzen Sie bestehende Reporting-Strukturen und Statusberichte konsequent durch die transparenten OKR-Check-ins.
  3. Befähigen Sie die Teams aktiv dazu, Aufgaben und Anfragen abzulehnen, die nicht auf die vereinbarten Key Results einzahlen.
  4. Integrieren Sie die Quartalsziele als Leitplanke in die tägliche und wöchentliche Priorisierung von Aufgaben (z.B. im Daily Stand-up).
  5. Setzen Sie Führungskräfte als OKR-Filter ein, die regelmässig die Frage stellen: „Welche unserer aktuellen Tätigkeiten zahlt nicht auf unsere KRs ein und kann gestoppt werden?“

Das Check-in-Meeting: Wie halten Sie die Energie im Quartal hoch?

Ein OKR-Zyklus dauert in der Regel drei Monate. Die grösste Herausforderung besteht darin, nach dem anfänglichen Enthusiasmus des Plannings die Energie und den Fokus über das gesamte Quartal aufrechtzuerhalten. Das wichtigste Instrument hierfür ist das wöchentliche Check-in-Meeting. Dieses kurze, maximal 15-20-minütige Treffen dient nicht dem Status-Reporting an den Chef, sondern der synchronen Selbststeuerung des Teams. Jedes Teammitglied beantwortet kurz und bündig drei Fragen zu den OKRs:

  1. Was habe ich seit dem letzten Mal getan, um unsere Key Results voranzubringen?
  2. Worauf konzentriere ich mich bis zum nächsten Mal?
  3. Welche Hindernisse (Impediments) sehe ich, die unseren Fortschritt blockieren?

Der entscheidende Punkt ist der Fokus auf Hindernisse. Das Check-in ist der Ort, an dem Probleme frühzeitig eskaliert und gemeinsam Lösungen gefunden werden. Es geht um Transparenz und gegenseitige Unterstützung, nicht um Rechtfertigung. Eine gute Moderation sorgt dafür, dass das Meeting diszipliniert und lösungsorientiert bleibt. Es ist ein kurzer Boxenstopp, kein ausufernder Workshop. Diese Regelmässigkeit und Struktur schaffen einen Rhythmus, der das Team auf Kurs hält.

Ein gutes Beispiel für die erfolgreiche Implementierung dieses Rhythmus kommt von der Opitz Consulting, einem deutschen IT-Dienstleister mit 500 Mitarbeitern. Die dortigen OKR Coaches, Melanie Deutschmann und Tobias Nehren, berichten, dass ein zentrales Ziel war, „mit OKR mehr Konsequenz und mehr Wucht in die Strategieumsetzung zu bekommen und auch eine Kontinuität zu erreichen.“ Genau diese Kontinuität wird durch disziplinierte, wöchentliche Check-ins sichergestellt. Sie sind das schlagende Herz des OKR-Betriebssystems im laufenden Quartal.

Warum 70 % Zielerreichung bei OKRs ein Erfolg sein muss und kein Versagen

Einer der grössten kulturellen Stolpersteine, insbesondere in der deutschen Arbeitswelt, ist der Umgang mit ambitionierten Zielen. Wenn ein Team ein Key Result nur zu 70 % erreicht, wird dies oft als Misserfolg gewertet. Bei OKRs ist jedoch genau das Gegenteil der Fall: Eine Zielerreichung von 60-70 % bei ambitionierten Zielen ist ein Zeichen für einen gesunden Prozess. Ziele, die immer zu 100 % erreicht werden, waren nicht ambitioniert genug. Sie waren lediglich eine Prognose des ohnehin Erreichbaren und haben das Team nicht herausgefordert, neue Wege zu gehen.

Hier muss man zwischen zwei Arten von OKRs unterscheiden: „Committed OKRs“ (verpflichtende Ziele), die zu 100 % erreicht werden müssen (z.B. Einhaltung gesetzlicher Vorgaben), und „Aspirational OKRs“ (ambitionierte Ziele), die bewusst die Grenzen des Möglichen ausloten. Der OKR-Pionier John Doerr empfiehlt, dass eine Zielerreichung von 70% bei diesen ambitionierten Zielen als Erfolg gefeiert werden sollte. Dies erfordert ein hohes Mass an psychologischer Sicherheit. Mitarbeiter dürfen keine Angst haben, für das Verfehlen einer 100%-Marke bestraft zu werden. Aus diesem Grund dürfen ambitionierte OKRs niemals direkt an variable Gehaltsbestandteile oder Boni gekoppelt werden. Eine solche Kopplung würde jegliche Ambition im Keim ersticken.

Ein diverses deutsches Business-Team feiert in einem modernen Konferenzraum, obwohl die gezeigten Diagramme keine 100%ige Zielerreichung zeigen, was eine positive Fehlerkultur symbolisiert.

Das Ziel ist es, eine Lernkultur zu etablieren. Eine 70%-Zielerreichung ist kein Scheitern, sondern ein wertvoller Datensatz. Es ist die Grundlage für die Retrospektive am Ende des Quartals, in der das Team analysiert: Was hat gut funktioniert? Was hat uns gehindert, die 100 % zu erreichen? Was lernen wir daraus für den nächsten Zyklus? Diese Ambitions-Kalibrierung ist ein kontinuierlicher Prozess. Das Feiern von Teilerfolgen, wie im Bild oben dargestellt, ist ein sichtbares Zeichen dieser wertschätzenden Kultur.

Wie stellen Sie sicher, dass alle Zellen in dieselbe strategische Richtung laufen?

In grösseren Organisationen besteht die Gefahr, dass einzelne Teams oder Abteilungen (Zellen) ihre OKRs isoliert voneinander definieren und somit Synergien verloren gehen oder sogar widersprüchliche Ziele verfolgt werden. Die strategische Ausrichtung (Alignment) ist daher keine einmalige Top-down-Kaskade, sondern ein kontinuierlicher Dialogprozess – horizontal und vertikal. Transparenz ist hier der Schlüssel: Jedes Team muss die OKRs aller anderen Teams jederzeit einsehen können. Spezialisierte Software-Lösungen, darunter auch von deutschen Anbietern wie Workpath oder Perdoo, helfen dabei, diese Abhängigkeiten mit sogenannten Alignment-Graphen zu visualisieren.

Eine sehr wirksame Methode, um das Alignment zu Beginn eines Quartals zu organisieren, ist der sogenannte „Alignment-Marktplatz“. Bei dieser Veranstaltung, die oft als grosses Firmenevent gestaltet wird, präsentieren alle Teams ihre vorläufigen OKR-Entwürfe an „Marktständen“. Anschliessend haben die Teams Zeit, über den „Marktplatz“ zu gehen, die Ziele der anderen zu studieren und aktiv nach Synergien, Abhängigkeiten und potenziellen Konflikten zu suchen. So entstehen wertvolle Diskussionen: „Team A, euer KR zur Steigerung der Neukunden-Leads passt perfekt zu unserem Objective, die Conversion-Rate auf der Webseite zu verbessern. Lasst uns ein gemeinsames KR definieren!“

Dieser Prozess stellt sicher, dass das Alignment nicht nur auf dem Papier stattfindet, sondern durch direkte Absprachen zwischen den Teams gelebt wird. Abhängigkeiten werden nicht als Problem gesehen, sondern als Chance für eine crossfunktionale Zusammenarbeit. Anstatt die Ziele einfach von oben nach unten durchzureichen, entsteht ein Netzwerk aus sich gegenseitig unterstützenden Zielen, die alle auf die übergeordnete Unternehmensstrategie einzahlen. So wird verhindert, dass mit generischen Beispielen gearbeitet wird, und stattdessen die bestmögliche, kontextspezifische Qualität der OKRs angestrebt.

Pivot ohne Panik: Wie erklären Sie dem Team, dass das Projekt von gestern heute tot ist?

Agilität bedeutet auch, schnell auf neue Daten und Marktveränderungen zu reagieren. Manchmal bedeutet das, ein Projekt oder ein Key Result mitten im Quartal zu stoppen, weil es sich als Sackgasse herausgestellt hat. Einen solchen Pivot zu kommunizieren, ist eine der grössten Führungsherausforderungen. Es geht darum, die Entscheidung transparent zu machen, ohne das Team zu demotivieren. Panik oder das Gefühl, umsonst gearbeitet zu haben, sind die grössten Feinde. Eine klare, wertschätzende Kommunikation ist hier alles.

In der Praxis hat sich eine einfache Kommunikationsformel bewährt, die den Fokus vom „Scheitern“ auf das „Lernen“ lenkt. Sie besteht aus drei Schritten, die in einem kurzen Team-Meeting klar und ehrlich angesprochen werden. Diese Struktur gibt Sicherheit und schafft einen Rahmen für die emotionale Verarbeitung der Veränderung. Der Prozess der OKR Retrospektive, bei der Hindernisse und Fehler analysiert werden, liefert die Grundlage für diese Kommunikation. Fehler werden hier nicht als Versagen, sondern als Chance zur Verbesserung gesehen.

Warum wir stoppen (klare Begründung mit Daten oder Marktfeedback) – Was wir gelernt haben (Wertschätzung der geleisteten Arbeit und der gewonnenen Erkenntnisse) – Worauf wir uns jetzt konzentrieren (Ausrichtung auf die neue Chance oder das neue, wichtigere Ziel).

– Framework aus der Praxis, Kommunikationsformel für Projekt-Stopps

Der zweite Punkt – „Was wir gelernt haben“ – ist der wichtigste. Er validiert die Anstrengungen des Teams und rahmt die bisherige Arbeit nicht als Verschwendung, sondern als wertvolle Investition in Erkenntnis. Es ist die Aufgabe der Führungskraft, zu betonen, dass die Entscheidung, zu stoppen, nur aufgrund der guten Arbeit des Teams möglich war, die die entscheidenden Daten geliefert hat. Diese Wertschätzung ist der Schlüssel, um die Energie des Teams sofort auf die neue Herausforderung zu lenken und Vertrauen zu bewahren. So wird ein potenziell demotivierender Moment zu einer Demonstration echter Agilität.

Das Wichtigste in Kürze

  • OKRs sind ein Betriebssystem, kein Kontrollwerkzeug. Sie müssen bestehende Prozesse ersetzen, nicht ergänzen.
  • Fokus entsteht durch die Konzentration auf 2-4 wirkungsvolle Outcomes (Ergebnisse), nicht durch das Abarbeiten langer Aufgabenlisten (Outputs).
  • Eine 70%-Zielerreichung bei ambitionierten Zielen ist ein Erfolg, der eine gesunde Lern- und Fehlerkultur signalisiert. OKRs dürfen nie direkt an Boni gekoppelt werden.

KPI oder OKR: Welches Messsystem eignet sich für agile Mittelständler besser?

Eine häufige Frage bei der Einführung von OKRs, insbesondere im deutschen Mittelstand, ist die Abgrenzung zu den etablierten Key Performance Indicators (KPIs). Die Antwort lautet: Es ist kein „Entweder-oder“, sondern ein „Sowohl-als-auch“. Beide Systeme haben ihre Berechtigung, aber sie dienen unterschiedlichen Zwecken. KPIs sind wie das Armaturenbrett eines Autos, OKRs sind wie das Navigationssystem für eine bestimmte Reise.

KPIs messen die Gesundheit des „Business as Usual“. Sie sind oft längerfristig ausgelegt und überwachen kritische Kennzahlen wie Umsatz, Kundenzufriedenheit oder Server-Verfügbarkeit. Wenn ein KPI in den roten Bereich fällt, signalisiert er ein Problem, das behoben werden muss. OKRs hingegen sind ein Motor für Veränderung. Sie werden für einen kurzen Zeitraum (meist ein Quartal) definiert, um gezielte, strategische Initiativen voranzutreiben und die Organisation aus dem Status quo herauszubewegen. Ein OKR-Set hat immer ein definiertes Ende, während KPIs kontinuierlich überwacht werden.

Die beiden Systeme können intelligent miteinander verknüpft werden. Fällt beispielsweise ein wichtiger KPI (z.B. „Kundenabwanderung“) über einen längeren Zeitraum in einen kritischen Bereich, kann die Organisation für das nächste Quartal ein OKR-Set definieren, das gezielt darauf einzahlt, diesen Zustand zu verbessern (z.B. Objective: „Unsere Bestandskunden lieben unser Produkt wieder“). Der folgende Vergleich fasst die wesentlichen Unterschiede zusammen:

Die Gegenüberstellung der beiden Systeme, wie sie in einer vergleichenden Analyse für den Mittelstand dargestellt wird, schafft Klarheit über ihre jeweiligen Rollen.

Vergleich von KPI und OKR im Mittelstand
Kriterium KPI OKR
Zeithorizont Längerfristig (Jahr) Quartal (3 Monate)
Fokus Resultate messen (Gesundheit) Fortschritt messen (Veränderung)
Festlegung Meist Top-down vom Management Mix aus Bottom-up (ca. 60%) und Top-down (ca. 40%)
Funktion Gesundheitsmonitor (Business as Usual) Veränderungsmotor (strategische Initiativen)

Dass dieser Ansatz funktioniert, beweisen zahlreiche erfolgreiche deutsche Unternehmen, die OKRs nutzen, darunter Konzerne und Mittelständler wie Otto, mymuesli, trivago, Edeka, Flixbus, Zalando und BMW. Sie alle nutzen KPIs zur Überwachung und OKRs zur gezielten Steuerung von Wachstum und Veränderung.

Die richtige Einordnung der beiden Systeme ist fundamental für eine erfolgreiche Steuerung. Die Kenntnis darüber, welches Messsystem sich für welchen Zweck eignet, bewahrt Unternehmen davor, die Instrumente falsch einzusetzen.

Die Transformation von OKRs von einem bürokratischen Monster zu einem agilen Betriebssystem ist keine Frage von besseren Vorlagen oder strengeren Regeln. Es ist eine Frage der Haltung und der konsequenten Vereinfachung. Indem Sie OKRs als Chance nutzen, alte Zöpfe abzuschneiden und den Fokus auf das Wesentliche zu lenken, schaffen Sie die Grundlage für eine Organisation, die nicht nur plant, sondern ihre Strategie auch kraftvoll und mit vereinter Energie auf die Strasse bringt. Beginnen Sie noch heute damit, Ihre Prozesse zu hinterfragen und den Weg für echte Agilität freizumachen.

Geschrieben von Sebastian Krenz, Business Intelligence Analyst und Controlling-Experte mit Fokus auf datengetriebene Unternehmensführung im Mittelstand. Über 10 Jahre Erfahrung in der Entwicklung von KPI-Systemen, Dashboards und Web-Analytics.