Veröffentlicht am März 12, 2024

Die Reduzierung der Entwicklungszeit von 24 auf 9 Monate ist keine Frage besserer Tools, sondern einer systemischen Revolution Ihrer Prozessarchitektur.

  • Parallelisierung durch Simultaneous Engineering statt sequenzieller Wasserfall-Methoden.
  • Radikale Modularisierung zur Eliminierung von Over-Engineering und Beschleunigung von Varianten.

Empfehlung: Beginnen Sie nicht mit Technologie, sondern mit der strategischen Entkopplung Ihrer Prozesse und der Fokussierung auf ein Minimum Viable Product (MVP).

Die Realität im deutschen Maschinenbau ist brutal: Während Ihre Ingenieure 24 Monate an der Perfektionierung einer neuen Maschine feilen, hat die internationale Konkurrenz bereits zwei Produktgenerationen auf den Markt gebracht und wichtige Marktanteile erobert. Die klassischen Antworten – ein neues CAD-Tool hier, ein agiler Coach für ein einzelnes Team dort – sind nur Pflaster auf einer systemischen Wunde. Sie führen zu marginalen Verbesserungen, aber nicht zum Quantensprung, der heute überlebensnotwendig ist. Die Zykluszeiten bleiben hartnäckig hoch, die Kosten für physische Prototypen explodieren und die Innovationsgeschwindigkeit stagniert.

Was aber, wenn die wahre Bremse nicht die Technologie, sondern die starre, sequenzielle Prozessarchitektur selbst ist? Was, wenn die tief verwurzelte Kultur der Perfektion und des sequenziellen „Wasserfalls“ – erst Konstruktion, dann Einkauf, dann Fertigung – der eigentliche Engpass ist? Die Verkürzung von Entwicklungszyklen ist kein reines Technologieproblem. Es ist eine strategische Herausforderung an die gesamte Organisation, die eine radikale Neuausrichtung erfordert. Es geht darum, Parallelität zu erzwingen, Komplexität durch Modularität zu beherrschen und den Mut zu haben, unfertige Produkte zu launchen, um schnelleres Marktfeedback zu erhalten.

Dieser Artikel ist kein weiterer Appell für „mehr Agilität“. Er ist eine technische und strategische Blaupause für CTOs und Entwicklungsleiter. Wir demontieren den traditionellen Entwicklungsprozess und bauen ihn neu auf – basierend auf den Prinzipien der systemischen Entkopplung, der radikalen Parallelisierung und der konsequenten Wertstrom-Beschleunigung. Wir zeigen Ihnen, wie Sie nicht nur Werkzeuge, sondern eine neue Denk- und Arbeitsweise implementieren, um Entwicklungszyklen von 24 auf unter 9 Monate zu katapultieren.

Für eine visuelle Ergänzung zu den hier besprochenen Konzepten bietet das folgende Video Einblicke in die Funktionsweise von Digitalen Zwillingen, einem der Kernpfeiler der Prozessbeschleunigung.

Um diese Transformation strukturiert anzugehen, haben wir die entscheidenden Hebel in acht Kernthemen gegliedert. Der folgende Überblick dient als Ihre Roadmap durch die Neugestaltung Ihrer Entwicklungs-Prozessarchitektur.

Wie Sie durch digitale Zwillinge physische Prototypenphasen komplett überspringen

Der physische Prototypenbau ist der teuerste und zeitintensivste Bremsklotz im traditionellen Maschinenbau. Wochen oder Monate vergehen, bis ein Bauteil gefertigt, montiert und getestet wird – nur um festzustellen, dass ein Designfehler eine komplette Neuanfertigung erfordert. Der digitale Zwilling bricht diesen Zyklus radikal auf. Er ist nicht nur ein 3D-Modell, sondern eine vollständige, physikalisch-dynamische Simulation der Maschine und ihrer Prozesse, die Mechanik, Elektrik und Software in einer virtuellen Umgebung vereint. Statt auf den Bau einer realen Maschine zu warten, können NC-Programme virtuell eingefahren, Kollisionen geprüft und die Inbetriebnahme simuliert werden. Fehler werden in Minuten am Bildschirm korrigiert, nicht in Wochen in der Werkstatt.

Diese Vorgehensweise, auch als virtuelle Inbetriebnahme bekannt, ermöglicht es, Software- und Hardware-Entwicklung vollständig zu parallelisieren. Das Ergebnis ist eine drastische Beschleunigung. Eine Analyse zeigt, dass durch diesen Ansatz eine bis zu 80 % Reduktion der Inbetriebnahmezeit möglich ist. Firmen wie die MAKA Systems GmbH nutzen digitale Zwillinge ihrer CNC-Maschinen, um Endkunden zu ermöglichen, ihre Produktionsprozesse zu optimieren, ohne die physischen Maschinen zu blockieren. Dies schützt nicht nur vor teuren Reparaturkosten durch Kollisionsprüfungen, sondern verlagert einen Grossteil der Entwicklungs- und Testarbeit in die kostengünstige, schnelle digitale Welt.

Simultaneous Engineering: Wie Konstruktion und Einkauf gleichzeitig starten können

Die Beschleunigung durch digitale Zwillinge bleibt wirkungslos, wenn die Organisationsstruktur weiterhin sequenziell arbeitet. Simultaneous Engineering (SE) oder Concurrent Engineering ist die prozessuale Antwort auf den technologischen Fortschritt. Statt des klassischen „Staffellaufs“ – Konstruktion entwirft, gibt an den Einkauf weiter, der dann Lieferanten sucht – arbeiten multifunktionale Teams aus Entwicklung, Einkauf, Produktion und sogar Lieferanten von der ersten Minute an parallel. Die zentrale Idee ist die frühzeitige Integration aller relevanten Disziplinen, um spätere, kostspielige Änderungen zu vermeiden und Prozesse zu überlappen.

Der Einkauf kann beispielsweise parallel zur Konzeptphase Langläufer-Komponenten identifizieren und deren Verfügbarkeit prüfen, anstatt erst nach finaler Freigabe der Stückliste mit der Beschaffung zu beginnen. Die Produktion gibt Feedback zur Herstellbarkeit (Design for Manufacturing) in Echtzeit, nicht erst, wenn die Konstruktionspläne „über den Zaun geworfen“ werden. Dies erfordert eine gemeinsame, zentrale Datenbasis (Product Lifecycle Management, PLM) und intensive Kommunikation, aber der Effekt ist enorm, wie eine direkte Gegenüberstellung der Prozesse zeigt.

Sequentielle Entwicklung vs. Simultaneous Engineering
Aspekt Sequentielle Entwicklung Simultaneous Engineering
Entwicklungszeit 24+ Monate 9-12 Monate
Fehlerkosten Hoch (späte Entdeckung) Niedrig (frühe Korrektur)
Lieferantenintegration Am Ende Von Anfang an
Ressourcenauslastung Sequenziell Parallel optimiert

Die Umstellung auf SE ist eine grundlegende Veränderung der Prozessarchitektur. Sie bricht Silos auf und zwingt zur Zusammenarbeit, was letztendlich zu einer drastischen Reduktion von Fehlerschleifen und Wartezeiten führt.

Over-Engineering vermeiden: Wie Sie Ingenieure stoppen, die „Goldrand-Lösungen“ bauen

Eine der grössten kulturellen Bremsen im deutschen Maschinenbau ist die Tendenz zum Over-Engineering – die Entwicklung von „Goldrand-Lösungen“, die technisch brillant, aber für den Markt zu komplex, zu teuer und vor allem zu spät sind. Ingenieure neigen dazu, ein Produkt für jede erdenkliche Eventualität zu optimieren, anstatt sich auf die Kernanforderungen zu konzentrieren, die 80 % des Kundennutzens ausmachen. Diese Perfektionsfalle führt zu explodierender Komplexität, unzähligen Varianten und extrem langen Entwicklungszeiten. Die strategische Waffe dagegen ist eine rigorose Politik der Standardisierung und Modularisierung.

Ingenieur betrachtet vereinfachte technische Lösung statt komplexer Konstruktion

Anstatt für jede Kundenanforderung eine neue Speziallösung zu entwickeln, wird ein Baukasten aus standardisierten, vorvalidierten Modulen geschaffen. Die eigentliche Ingenieursleistung verlagert sich von der Neuentwicklung einzelner Teile hin zur intelligenten Konfiguration und Kombination bewährter Module. Dies reduziert nicht nur die Entwicklungskosten und -zeiten drastisch, sondern erhöht auch die Qualität und Zuverlässigkeit, da erprobte Komponenten wiederverwendet werden. Wie der VDMA betont, geht es dabei nicht um eine Verringerung des Angebots, sondern um eine intelligentere Steuerung der Vielfalt. In der „Zukunftsperspektive Maschinenbau“ heisst es dazu:

Standardisierung und Modularisierung zielen ab auf ein Portfolio mit geringerer Varianz und Komplexität sowie einem insgesamt niedrigerem Kostenniveau, ohne dabei Breite und Individualität des Angebots zu verringern.

– VDMA, Zukunftsperspektive Maschinenbau

Die Aufgabe des CTOs ist es, diese Denkweise kulturell zu verankern: Nicht die komplexeste, sondern die intelligenteste und schnellste Lösung gewinnt. Dies erfordert klare Vorgaben, Kosten-Nutzen-Analysen für jede zusätzliche Funktion und die Belohnung von Einfachheit und Wiederverwendung.

Wie binden Sie Lieferanten frühzeitig ein, um Lieferengpässe bei neuen Teilen zu vermeiden?

In einer Welt fragiler Lieferketten ist die traditionelle, transaktionale Beziehung zu Lieferanten ein enormes Risiko. Ein Lieferant, der erst nach Abschluss der Konstruktion mit einer komplexen Neuteil-Anfrage konfrontiert wird, wird unweigerlich zu einem Engpass. Die frühzeitige und partnerschaftliche Einbindung strategischer Lieferanten ist daher kein „Nice-to-have“, sondern ein kritischer Bestandteil des Simultaneous Engineering. Lieferanten sind nicht mehr nur Teilelieferanten, sondern externe Entwicklungspartner, die wertvolles Know-how über Fertigungsverfahren, Materialverfügbarkeiten und Kostentreiber einbringen.

Durch die Integration in die frühe Konzeptphase können sie auf potenzielle Engpässe bei neuen Teilen hinweisen oder alternative, schneller verfügbare Standardkomponenten vorschlagen. Dies verhindert teure Umkonstruktionen in späten Projektphasen. Moderne Kollaborationsplattformen ermöglichen dabei einen sicheren und gezielten Datenaustausch, ohne das gesamte geistige Eigentum preiszugeben. Transparenz wird zum Wettbewerbsvorteil, wie erfolgreiche Unternehmen beweisen.

Fallstudie: Transparenz als Wettbewerbsvorteil

Ein deutscher Maschinenbauer implementierte eine digitale Plattform, die es Schlüsselkunden und strategischen Lieferanten ermöglichte, den Produktionsfortschritt relevanter Baugruppen in Echtzeit zu verfolgen. Lieferanten konnten ihre Kapazitäten proaktiv planen, während Kunden weniger Rückfragen an den Vertrieb stellen mussten. Eine Studie von IT-Daily.net über Digitalisierung im Maschinenbau beschreibt, wie ein solcher Ansatz zu messbar schnelleren Reaktionszeiten und einem klaren Vorteil bei der Gewinnung von Neukunden führte, die diese Transparenz als hohes Gut schätzten.

Die Verschiebung von einer rein preisgetriebenen zu einer partnerschaftlichen, technologiegetriebenen Lieferantenbeziehung ist eine strategische Entscheidung. Sie sichert nicht nur die Verfügbarkeit, sondern beschleunigt auch die Innovation, indem externes Wissen direkt in den Entwicklungsprozess einfliesst.

Baukasten-Prinzip: Wie Modularität die Entwicklung von Varianten beschleunigt

Die Forderung nach Standardisierung und Modularität ist schnell ausgesprochen, doch die Umsetzung erfordert eine klare Systemarchitektur. Das Baukasten-Prinzip ist die konsequente Implementierung dieser Strategie. Es bedeutet, eine Maschine nicht mehr als monolithisches Ganzes zu betrachten, sondern als ein System aus klar definierten, gekapselten und wiederverwendbaren Modulen mit standardisierten Schnittstellen. Jedes Modul erfüllt eine spezifische Funktion und kann unabhängig von den anderen entwickelt, getestet und verbessert werden. Die Entwicklung einer neuen Maschinenvariante wird so von einer monatelangen Neukonstruktion zu einem intelligenten Konfigurationsprozess von wenigen Wochen.

Dies gilt nicht nur für die Hardware, sondern insbesondere auch für die Software. Modulare Softwarearchitekturen mit vordefinierten Vorlagen und Plug-and-Play-Komponenten ermöglichen es, 80 % der Software für eine neue Maschine aus bewährten Bausteinen zusammenzusetzen. Der Entwicklungsfokus liegt dann nur noch auf den 20 % der Software, die die neuen, kundenspezifischen Funktionen abbilden. Technologien wie Hot Connect über EtherCAT erlauben sogar die Integration neuer Module im laufenden Betrieb, was die Flexibilität weiter erhöht. Die Einführung eines solchen Systems ist ein strategisches Projekt, das klare Schritte erfordert.

Ihr Aktionsplan zur Implementierung eines modularen Baukastens

  1. Vordefinierte Softwarevorlagen und Plug-and-Play-Hardware-Komponenten etablieren.
  2. Validierte Module systematisch über mehrere Projekte hinweg wiederverwenden und eine Modulbibliothek aufbauen.
  3. Schnittstellen standardisieren (z.B. Hot Connect über EtherCAT), um eine unterbrechungsfreie Modulintegration zu ermöglichen.
  4. Eine skalierbare Systemarchitektur definieren, die Wachstum ohne komplette Neuentwicklung erlaubt.
  5. Die Rolle eines „Plattform-Owners“ schaffen, der die Governance und Weiterentwicklung des Baukastens verantwortet.

Ein gut gepflegter Baukasten wird zum wertvollsten Kapital Ihrer Entwicklungsabteilung. Er ist der Motor für Geschwindigkeit, Effizienz und Skalierbarkeit und die stärkste Waffe gegen ausufernde Komplexität.

Warum Sie Produkte unfertig auf den Markt bringen sollten, statt 3 Jahre zu entwickeln

Dieser Gedanke ist für viele traditionelle Ingenieure ein Sakrileg: Ein Produkt auf den Markt zu bringen, das nicht zu 100 % fertig ist. Doch in einem sich schnell wandelnden Marktumfeld ist die Strategie des Minimum Viable Product (MVP) überlebenswichtig. Ein MVP ist nicht ein schlechtes oder fehlerhaftes Produkt, sondern die kleinstmögliche Version eines Produkts, die einem frühen Kundenstamm (Early Adopters) bereits einen echten Mehrwert bietet. Statt drei Jahre im stillen Kämmerlein an der perfekten Maschine zu entwickeln, die bei Markteinführung vielleicht schon veraltet ist, bringt man nach 9-12 Monaten eine Basisversion auf den Markt. Das Ziel: so schnell wie möglich echtes Marktfeedback zu sammeln.

Dieses Feedback ist wertvoller als jede interne Annahme. Es zeigt, welche Funktionen wirklich genutzt werden und wofür die Kunden bereit sind zu zahlen. Zukünftige Entwicklungszyklen konzentrieren sich dann auf die datengestützte Weiterentwicklung dieser gefragten Features, anstatt auf hypothetische „Goldrand“-Funktionen. Dieser Ansatz ist eine direkte Reaktion auf die drastische Verkürzung von Produktlebenszyklen. Eine Analyse am Beispiel des VW Golf zeigt verkürzte Produktlebenszyklen von 9 auf 5 Jahre, eine 45% Reduktion. Wer hier zu lange entwickelt, verpasst den Anschluss. Die ultimative Form dieser Strategie sind neue Geschäftsmodelle wie „Machine-as-a-Service“, bei denen nicht mehr die Maschine, sondern deren garantierte Verfügbarkeit oder Produktionsleistung verkauft wird. Dies erfordert update-fähige, modular aufgebaute Maschinen und eine konsequente Ausrichtung am Kundennutzen.

Wie verbinden Sie Maschinen ohne Internetanschluss sicher mit der Cloud?

Die digitale Transformation und datengetriebene Entwicklung klingen gut, aber was ist mit den tausenden Bestandsmaschinen („Brownfield“), die ohne moderne Schnittstellen in den Werkshallen stehen? Die Vernetzung dieser Maschinen ist entscheidend, um die Daten zu sammeln, die für digitale Zwillinge, vorausschauende Wartung und Prozessoptimierung benötigt werden. Ein direkter Anschluss ans Internet ist oft aus Sicherheitsgründen undenkbar. Die Lösung liegt in einer mehrstufigen Sicherheits- und Konnektivitätsarchitektur. Edge Computing spielt hier eine zentrale Rolle. Ein Edge-Gateway, eine kleine Recheneinheit direkt an der Maschine, sammelt und verarbeitet die Sensordaten lokal. Nur aggregierte, relevante und anonymisierte Informationen werden verschlüsselt an die Cloud gesendet. Dies reduziert die Datenmenge und minimiert das Sicherheitsrisiko.

Für die sichere Anbindung dieser Gateways eignen sich spezielle Retrofit-Lösungen, die oft über zertifizierte Sicherheitsstandards (z. B. nach BSI) verfügen. Für maximale Datenhoheit und Kontrolle setzen immer mehr Unternehmen auf private 5G-Campus-Netze, die ein vom öffentlichen Internet komplett getrenntes, hochperformantes Funknetz auf dem eigenen Werksgelände aufspannen. Diese Infrastruktur ist die Basis dafür, dass das Maschinenmodell als digitale Kopie wird kontinuierlich in Echtzeit gespeist werden kann, ohne die Sicherheit der Produktion zu gefährden. Die DSGVO-konforme Datenverarbeitung muss dabei von Anfang an in der Architektur verankert sein. Die sichere Vernetzung des Brownfields ist keine unlösbare Aufgabe, sondern eine Frage der richtigen Architektur, die Edge, sichere Gateways und private Netze kombiniert.

Das Wichtigste in Kürze

  • Digitale Zwillinge und Simulation sind die technologische Basis, um physische Prototypen zu ersetzen und die Entwicklung in die schnelle, virtuelle Welt zu verlagern.
  • Simultaneous Engineering als Organisationsprinzip ist wichtiger als jedes einzelne Tool; es bricht Silos auf und erzwingt die entscheidende Parallelisierung von Prozessen.
  • Die konsequente Anwendung von MVP-Prinzipien und Modularität ist die wirksamste Waffe gegen Over-Engineering und der Schlüssel zu schnellem Marktfeedback.

Wie halbieren Sie Ihre Time-to-Market, um Marktanteile vor der Konkurrenz zu sichern?

Die Halbierung der Time-to-Market ist kein einzelnes Projekt, sondern das Ergebnis einer ganzheitlichen Transformation, die Technologie, Prozesse und Kultur umfasst. Es ist die Synthese aller zuvor besprochenen Hebel. Der digitale Zwilling eliminiert die Wartezeiten des physischen Prototypenbaus. Simultaneous Engineering parallelisiert die Arbeit von Konstruktion, Einkauf und Produktion. Eine modulare Baukasten-Architektur bekämpft das Over-Engineering und beschleunigt die Entwicklung von Varianten. Die frühe Einbindung von Lieferanten sichert die Materialverfügbarkeit. Und die MVP-Strategie sorgt dafür, dass die Entwicklungsressourcen auf die wirklich wertschöpfenden Funktionen konzentriert werden.

Zusammengenommen erzeugen diese Elemente einen sich selbst verstärkenden Beschleunigungszyklus. Die simulationsgetriebene Entwicklung reduziert nicht nur die Zeit in den einzelnen Phasen – Konzept, Prototyping, Testing, Inbetriebnahme – um jeweils über 60 %, sondern sie ermöglicht auch das Testen von mehr Varianten in kürzerer Zeit, was oft zu innovativeren Lösungen führt. Eine Reduktion der Gesamtentwicklungszeit von 24 auf unter 9 Monate ist keine Utopie, sondern das logische Resultat einer neugestalteten Prozessarchitektur. Der entscheidende Punkt ist, diese Elemente nicht isoliert, sondern als integriertes System zu betrachten. Der grösste Hebel liegt in der Überwindung der sequenziellen Denkweise.

In einem Markt, in dem Geschwindigkeit über Marktanteile entscheidet, ist die Fähigkeit, schnell zu lernen und zu liefern, der entscheidende Wettbewerbsvorteil. Die Investition in diese systemische Transformation sichert nicht nur die Zukunftsfähigkeit, sondern positioniert Ihr Unternehmen als agilen Vorreiter statt als langsamen Verfolger.

Um diese Strategien in die Praxis umzusetzen, ist der nächste Schritt eine rigorose und ehrliche Analyse Ihrer aktuellen Prozessarchitektur. Identifizieren Sie Ihre grössten Zeitfresser und beginnen Sie mit der Implementierung des Hebels, der den schnellsten und grössten Einfluss verspricht.

Geschrieben von Robert Lang, Diplom-Ingenieur für Produktionstechnik und Berater für Industrie 4.0. 20 Jahre Erfahrung in F&E, Fertigungsoptimierung und Innovationsmanagement im produzierenden Gewerbe.